In der Vorsaison zeigt sich die italienische Riviera von ihrer angenehmsten Seite

Von Christoph Henning

Sie hatten schon recht, die feinen Leute der Jahrhundertwende – im Winter an die Riviera zu fahren.

Spaziergänge vorbei an blühendem Rosmarin und Narzissenwiesen; Mittagessen im Freien unter Olivenbäumen; Mimosendüfte; Cappuccino auf der Uferterrasse, während hinten im Gastraum der Fernseher von entfernten Schneestürmen berichtet ... Den lieben Herrgott um seine Jahreszeiten betrügen, hat Tucholsky das genannt. Merkwürdig, in unserer Epoche eines doch so kenntnisreichen Tourismus scheinen sich solche genießerisch reisenden Betrüger zu verlieren. Zwischen November und März gehören die Orte der italienischen Riviera ausschließlich den Einheimischen.

Nur wo sich, wie in Rapallo, die Rentner zum Überwintern sammeln, herrscht jetzt Saison. An der Uferpromenade glühn im dunklen Laub die Goldorangen. Unter Palmen promenieren Hunderte von bemützten Pensionären und untergehakten Großmüttern. Die Rentner aus Mailand und Modena sind den höllischen Abgasen der Städte und dem ewigen Winternebel der Po-Ebene glücklich entkommen. Ihr Leben geht in Rapallo weiter wie zu Hause – kleine Spaziergänge, Einkäufe, Gespräche und viel Fernsehen, was dann wieder neue Gespräche zur Folge hat. Schon beim Frühstück nimmt man Anteil aneinander. Geht’s heute besser, Signora? Hat der Sohn das neue Auto gekauft, kommt die Schwiegertochter am Wochenende zu Besuch? Hier lebt es noch, das kommunikative Italien, das andernorts von Wohlstandsneurosen durchgeschüttelt wird. Unter den Alten von Rapallo pfeift nicht der eisige Wind des Konsumismus, sie schwätzen gemütlich, es geht ruhig und freundlich zu.

Aber was ist aus Rapallo geworden? Dem einstigen feinen Ferienort hat die Zersiedlung übel mitgespielt. Rapallizzazione ist im Italienischen zum Begriff geworden. Rapallo als Symbol für eine durch Spekulation vergewaltigte Meeresschönheit. Das Städtchen ließ sich seine Reize gut bezahlen und wurde häßlich dabei: von Neubauten wie von einem Ausschlag überzogen, aufgedunsen von den in die Landschaft wabernden Randquartieren. Nur gelegentlich erinnert ein Winkel an den alten Charme: der kleine, lebendige Markt, auf dem die Bauern der Umgebung Eier und Kräuter anbieten und frisch gefangene Fische im Schuppenglanz leuchten; einige Gassen der Altstadt mit schmucken Geschäften, in denen Käselaibe, Orangen oder Markenpullover so dekorativ herumliegen, daß man ohne Sinn und Zweck zugreifen möchte, ein paar Nostalgiebauten der Belle Époque an der Uferpromenade. Direkt am Meer steht auch der kuriose Chiosco della Banda Cittadina, einst Schauplatz der Promenadenkonzerte. Auf dem Deckengewölbe des Pavillons thronen unter einem gelb durchleuchteten Himmel Verdi, ein frankensteinartiger Mozart, Beethoven, aber auch Meyerbeer, Berlioz, Gluck; über den jugendstilisierten Maestri tummeln sich ihre Operngestalten, aufgeregt wie barocke Heilige.

Rapallo lebt vom alten Ruhm

Wenn Rapallo noch immer beliebt ist, so verdankt es das weniger seiner – verlorenen – Schönheit als dem Trägheitsgesetz der Reisegewohnheiten und einer guten touristischen Infrastruktur. Das Hotelangebot ist groß; darunter finden sich freundliche Familienpensionen, wo man den Meerblick aus allen Zimmern – und das leichte Verkehrsrauschen der Uferstraße – zu milden Preisen zwischen vierzig und siebzig Mark genießt. Und da und dort läßt es sich noch immer vorzüglich speisen. Wenige Schritte vom Markt entfernt, im Vico della Rosa, werden die Pansotti (ricottagefüllte Teigwaren in Walnuß-Sauce, eine ligurische Spezialität) geradezu sensationell gut zubereitet.

Gewiß, den ewigen Frühling kennt auch die Riviera nicht. Kurz vor unserer Ankunft hat es – zum ersten Mal seit sechs Jahren – sogar geschneit. Der historische Kälterekord von minus vier Grad wurde jedoch nicht erreicht, Orangen und Zitronen überstanden schadlos den Wintereinbruch, selbst die Mimosen, die jetzt ihre herrlich gelben Blütentrauben leuchten lassen, zeigten sich besser als ihr Ruf und überdauerten standhaft die Frostperiode. Aber es blühen auch Kamelien und Rosmarin, Veilchen und Gänseblümchen. Am schönsten erlebt man die Vegetation auf Spaziergängen und Wanderungen. Es gibt – selten genug in Italien – ein Netz markierter Wege sowie eine brauchbare Wanderkarte. Vorzüglich für Fußgänger erschlossen ist insbesondere das Vorgebirge von Portofino zwischen S. Margherita und Camogli. In einem Naturpark läßt sich noch gut erkennen, wie die Küste vor fünfzig oder hundert Jahren überall aussah. Über dem Meeresufer liegen vereinzelte Bauernhäuser, Weinberge, Blumengärten und Olivenhaine, dazwischen sieht man Pinien und Palmen, Oleander und Kakteen; auf der Höhe finden sich Kastanien und Steineichen, Macchiagebüsch und duftende Kräuter.

In einer geschützten Bucht des Vorgebirges steht die Abtei San Fruttuoso. Sie ist nur zu Fuß oder mit dem Schiff zu erreichen – ein einsamer, geheimnisvoller Ort, solange nicht sommerliche Badegäste den kleinen Strand vor dem Kloster überrennen. Wir steigen zu Fuß hinab. Unter den macchiabewachsenen Hängen leuchten die hellen Steingebäude der Abtei, drum herum ein paar Häuser, einige Olivenbäume, ein alter Wachtturm. Fast vollkommene Stille – nur Wellenrauschen, der Wind in den Bäumen, ab und zu eine menschliche Stimme sind zu hören. Es gibt sie also noch, die magischen Plätze an dieser Küste; man muß sie nur im rechten Moment aufsuchen.

Die Klostergebäude stellen keinen Höhepunkt der Kunstgeschichte dar – mehrere Restaurierungen, von denen die letzte nur zwei Jahre zurückliegt, haben ihnen nicht gutgetan. Aber was macht’s? Die Atmosphäre der abgelegenen Bucht ist einzigartig.

Portofino dagegen bedeutet eine Enttäuschung. Das alte Fischerdorf ist wunderschön, aber es hat seine Seele verloren. Die amphitheatralisch geschwungene, farbige Häuserfront am Hafen will geradezu aufs Dia, aber photographieren ist das einzige, was in Portofino befriedigt. In dem gestylten Dorf fühlt man sich wie in einen Werbespot versetzt. Da pulsiert kein Leben mehr, es herrschen Busineß und zwanghafter Konsum. Die Reichen Italiens haben sich Protofino als Zweitwohnsitz erwählt und es zur Gemeinde mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes gemacht. Portofino ist unter dem Andrang kollabiert. Der Quadratmeter Wohnraum in den Häusern am Meer kostet mittlerweile um die 20 000 Mark, die Einheimischen sind längst nach S. Margherita und Rapallo ausgewandert. Zwanzig Restaurants verpassen den Gästen Rechnungen wie Keulenschläge, fünfzig Boutiquen bieten Edelfummel feil.

Seelenlose Schönheit

Der touristische Ruhm dieses Abziehbildes von einem Fischerdorf reicht ins Jahr 1870 zurück, als Montague Yeats-Brown, britischer Konsul in Genua, den hübschen Ort entdeckte. Der Diplomat, der den Dialekt der Gegend perfekt beherrschte, kaufte kurz entschlossen gleich die Burg. Seine zahlreichen Freunde machten Portofino in der europäischen Aristokratie zum Insidertip. Als Gast des Champagnerbarons Alfons von Mumm ließ sich 1914 Kaiser Wilhelm II. in einer Sänfte den Hang zur Villa des Adligen hinauftragen. Wenig später siedelte sich Lord Carnarvon, der Entdecker des Tutenchamun-Grabes, in Portofino an; nach dem mysteriösen Tod des Edelmanns las der Ortspriester eine Messe, um den Pharaonenfluch vom Dorfe fernzuhalten. Die Rache brachte dann nicht Krankheit und Tod, sondern die vollständige Kommerzialisierung. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg verkleideten sich die Einheimischen als Fischer und flickten nie benutzte Netze, um den wohlhabenden Gästen ein bißchen Folklore zu bieten. Seither ist die Atmosphäre immer noch künstlicher geworden.

Die Reisenden des 19. Jahrhunderts, die abseits der bildungsbürgerlichen Italienrouten an die Riviera kamen, zeigten hemmungslose Begeisterung. Der französische Romantiker Alphonse de Lamartine geriet 1826 in Taumel: „Ich reiste zwischen Genua und La Spezia während einer prächtigen Sommernacht ... mich befiel es wie Trunkenheit beim Anblick der Erde, des Meeres und der Nacht. Fieberhafter Enthusiasmus erfüllte meine Seele für dieses herrliche Land.“ Zwanzig Jahre später verzichtete Charles Dickens angesichts der Küstenlandschaft auf den gewohnten spöttisch-distanzierten Ton seiner Reiseberichte: „In Italien gibt es für mich nichts Schöneres als die an der Küste entlanglaufende Straße von Genua nach Spezia. ... An jeder Böschung und jedem Erdhaufen neben der Straße wuchern in üppiger Fülle der wilde Kaktus und die Aloe, und die Gärten der heiteren Dörfer... duften im Herbst und Winter nach Orangen und Zitronen.“ Solche Empfindungen lassen sich noch heute nachvollziehen. Man muß nur von den Küstenorten aus eine halbe Stunde hochsteigen.

Wer aber das alte Ligurien der Fischerdörfer sucht, findet es am ehesten in Camogli. Hier ist der Ortskern architektonisch vorzüglich erhalten, und das Städtchen hat bei allem touristischen Andrang noch ein spürbares Eigenleben. Postkartenschön liegt die Kirche auf einer Halbinsel. Die Fassaden der schmalen, bis zu acht Stockwerke hohen Häuser am Ufer spielen in allen denkbaren Schattierungen von Rot, Orange und Gelb. Um die einheitlich dunkelgrünen Fensterläden rankt sich eine gemalte Scheinarchitektur von Balkonen, Gesimsen, Balustraden. Am Strand liegen bunte Boote, im Hafen drängen sich die Kähne, und wirkliche Fischer flicken wirkliche Netze. Ein paar Einheimische sitzen gemütlich in der Sonne, einige städtische Ausflügler promenieren auf dem Uferweg. Meterhohe Wellen brechen sich an der Mole, rollen schäumend im Kiesstrand aus.

Camogli, ein Ort von 10 000 Einwohnern, war im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten Seefahrtsstädte Europas. Den Camoglieser Reedern gehörten 1856 rund tausend Schiffe – ihre Hamburger Kollegen besaßen damals eine gerade halb so große Handelsflotte. Die Segelschiffe wurden an Kaufleute aus ganz Europa vermietet und fuhren unter fremder Flagge. Zum Erfolg der Reeder trug entscheidend die 1852 gegründete Seefahrts-Versicherungsgesellschaft bei. Sie war das erste derartige Unternehmen, das bei Havarien nicht nur die verlorengegangene Ware, sondern nötigenfalls das ganze Schiff ersetzte. Noch gegen Ende des Jahrhunderts besaß Camogli rund 400 Segelschiffe. Erst der Aufschwung der Dampfschiffahrt beendete die Glanzzeit des Ortes.

Pralles Leben am Wochenende

Samstag vormittag: Ausflügler aus den Städten, aus Genua, Mailand und Turin, finden sich ein. Für zwei Tage sind die Rentner von Rapallo nicht mehr die einzigen Gäste an der Küste. Eine merkwürdige Mischung reist da an, als sollte sich am Wochenende das moderne Italien in seiner ganzen Widersprüchlichkeit vorstellen. Massenhaft erscheinen die Auto-Fetischisten, die mit ihrem Wagen so verwachsen sind, daß sie auf der Zufahrtsstraße nach Portofino zwei Stunden im Stau stehen. Da tauchen pelzbehängte Damen und gestylte Herren auf, tragen ihre Sonntagskleidung auf der Promenade herum. Und dann sieht man ein ungewohntes, noch von keinem Italien-Stereotyp verarbeitetes Bild: den Ansturm auf die Wanderwege. Junge Väter, die entgegen allen Mittelmeertraditionen ihre Kinder im Rucksack tragen; Pfadfindergruppen; bärtige junge Leute; drahtige Altherrenriegen. Langsam bewegt es sich, das verborgene Italien der Naturfreunde – es ist ja auch höchste Zeit, wenn die rapallizzazione nicht weiter fortschreiten soll...