Wieder flattern vor dem Kunstverein in Hannover Fahnen, wieder ist die Einladungskarte ein kleines Kunststück, der Katalog ein Künstlerbuch, sind die Ausstellungsräume sauber inszenierte Bühnen für Kunstwerke, wobei auch mal Wände weiß bleiben können. Das Ganze ist der Soloauftritt Rob Scholtes. Eckhard Schneider hat dem Niederländer damit endlich eine größere Werkschau in Deutschland ausgerichtet.

Die Schau ist ein Kunstkabarett – oder besser ein Publikumsverwirrspiel. Denn was wir sehen, ist die Kunst, Kunst zu denunzieren. Raum 1: gefälschte Unterschriften, schön einzeln mal auf grundierte Leinwand, mal auf die Rückseite gemalt und in Doppelbildern zum Duett gefügt, zu eigenwilligen Ehen vereint. Elvis Presley und Barnett Newman, Fred Astaire und Modigliani, Hieronymus Bosch und Gandhi werden da von dem holländischen Kuppler zusammengebracht. Raum 2: „Tartuffe“, eine gastronomische Komödie, eine Kochrezeptesammlung, in surrealistisch-unverdauliche Bilderrätsel gefaßt. Raum 3: Teppiche, metergroß geknüpfte Gesellschaftsspiele, Monopoly zum Lümmeln vorm Fernseher, Mensch-ärgeredich-nicht als Hüpfstück für die Kleinen.

Und weiter geht es mit hakenschlagender Phantasie durch die Räume hindurch. Wir sehen zum Wandbild vergrößerte Schlachtpläne für den Krieg zwischen Kultur und Unkultur, zwischen Herodes und Walter Gropius und zwischen Walt Disney und Michael Jackson, ausgetragen auf den Feldern von Waterloo, ausgefochten in den authentischen Schlachtordnungen. Wir sehen Reklamevideos, moderiert von Rob Schölte, dem Medienspezialisten, sehen Zeichnungen, Arbeitspläne, Skizzen und Fundsachen aus den letzten fünfzehn Jahren. Kunst ist: verändern, was man von ihr erwartet, sagt Rob Schölte und führt das seinem Publikum vor.

„7 Year Itch“ („Das verflixte siebte Jahr“) heißt im Angedenken an den Monroe-Film die Ausstellung und feiert das siebenjährige Jubiläum von Rob Scholtes erster Ausstellung, feiert sieben Jahre Publikumsverunsicherung, Kunstmarktpersiflage, Szenepolemik. Rob Schölte gehört zu der wachsenden Schar von Andy Warhol-Erben, von „Andys Kindern“, für die Kunst machen nicht mehr die entbehrungsfrohe Suche nach einer wahren Botschaft bedeutet, sondern das Publikum zu unterhalten, im Markt zu bleiben, eine Bilderfabrik zu betreiben, eigener Public-Relations-Agent, eigener Kreativ-Direktor zu sein.

Letztes Jahr vertrat Rob Schölte sein Land auf der Biennale. Und malte mit „Venezia“ sein Biennalebild, ein Stück Touristen-Venedig, ein Stück Kunstpolemik. Ein verdächtig holländisch aussehender Italiener sitzt in diesem Gemälde auf dem Markusplatz, pinselt an einer Verdute für die Reisenden. Quietschbunt, kitschig ist die ganze Sache. Mokum-Realismus heißt der Stil, ein Wort, das den Gipfel an schlechtem Geschmack bezeichnet. Hohe Kunst, niedrige Kunst? Unterschiede, sagt Rob Schölte, gibt es nur im Preis. Seine Bilder sind teurer als die Touristenveduten. Wir haben es gewußt. Das Bild hängt auch in Hannover, eine Parabel für das gebriefte Kunstpublikum; ein Kunststückchen für den Spaß an schlauen Gedanken; Kunst, die sich erst anpaßt und dann subversiv sein will. Denn, fragt Rob Schölte superklug: „Die besten Bilder sind die am meisten reproduzierten, oder nicht? Ist die ‚Mona Lisa‘, ist Dali deshalb Kitsch?“

Als später Enkel der Surrealisten, Geistesverwandter von Max Ernst, Dalí oder Duchamp setzt Rob Schölte die Gratwanderung zwischen Realität und Illusion, zwischen Kunst und Fiktion fort, benutzt in seinen Bildern Fundstücke, benutzt Ready-mades. Niemals sind seine Bildideen selbst erfunden, immer sind sie vorgefertigt. Er spielt mit ihnen, spielt mit ihnen das Medienspiel weiter. Denn was ist Wirklichkeit? fragt er. Weiß ich, ob Amerika wirklich existiert? Ich kenne es von den Fernsehbildern. Dagewesen bin ich noch nie. Präsidenten können Lügen verbreiten, sagt er, die Medien verwandeln sie in Wahrheit. Auch Kriege werden eines Tages nur noch auf dem Bildschirm ausgekämpft, sagte er letztes Jahr. Und wieviel mehr Menschen gibt es, die über meine Arbeiten etwas gelesen haben, als solche, die sie auch gesehen haben. Rob Schölte fühlt sich als ein typisches Kind dieser Illusion. Sein Vater hat McDonald’s in Holland eingeführt. Er erzählt, wie sie früher in einem Haus lebten, das aus einem Hollywood-Film stammen könnte, mit Swimmingpool und automatisch sich öffnenden Türen.

Mit sechzehn Jahren hat er angefangen, ein Bildarchiv anzulegen, seine Enzyklopädie, seine Weltgeschichte, in der er alles zusammentrug, was ihm interessant erschien, in dem er alles nach selbsterfundenen Kriterien ordnete: nach berühmten Frauen etwa oder nach Gesellschaftsspielen. Dieses Archiv ist sein Spielfeld. Die Bilder, die allerpopulärsten, die alltäglichsten Klischees sind seine Realität. Das Ganze eine individuelle Kulturerhebung. Wirklichkeit wird demgegenüber zur Fiktion, und so erfindet Rob Schölte Allegorien des 20. Jahrhunderts. Bilder mit einem strengen Buchstabensinn und einer höheren verschlüsselten Botschaft – vielleicht. In Hannover sehen wir eine ganze Wand mit zu Gemälden vergrößertem Monopoly-Spielgeld. Kunst, zeigt uns Rob Schölte, ist Geld, Geld ist Kunst. Spiegel und Realität oder Kritik? Konsumverhalten, politische Aussage, allzugern, scheint’s, spricht Rob Schölte über solch biedere Ansinnen nicht. Kunst ist Spaß haben, ist neugierig sein, ist spielen. Wobei die Spielregeln allerdings todernst gemeint sind. (Kunstverein bis zum 31. März; Katalog 45,– DM)

Elke von Radziewsky