Was bislang noch keinem Entwicklungsland gelungen ist, hat Polen erreicht: den Erlaß eines großen Teils seiner Auslandsschulden. Die im Pariser Klub versammelten staatlichen Gläubiger verzichten auf die Hälfte ihrer Forderungen von insgesamt fast fünfzig Milliarden Mark. Das geht sogar über die Zugeständnisse hinaus, die den ärmsten Ländern der Welt gemacht wurden – ihnen soll nur ein Drittel der staatlichen Verbindlichkeiten erlassen werden. In vielen Fällen ist dieses – auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Toronto 1988 gegebene – Versprechen allerdings bis heute noch nicht eingelöst worden.

Neben dem staatlichen Verzicht wollen die Regierungen auch die Privatbanken auffordern, bei ihren Ansprüchen zurückzustecken. Während die öffentlichen Gläubiger seit 1984 keine Zinseingänge mehr gesehen haben, erhielten die Banken bisher weiterhin Zinszahlungen der Polen. Doch nun sollen auch sie sich einschränken – zum Vorteil Warschaus. Der Pariser Klub verlangt von den Banken, ebenfalls die Hälfte ihrer Forderungen an Polen zu streichen. Bei den privaten Kreditinstituten steht Warschau mit rund fünfzehn Milliarden Mark in der Kreide.

Obwohl deutsche Banken die wichtigsten Gläubiger sind, zögern nicht sie, sondern ihre amerikanischen und britischen Kollegen. Die fürchten die Präzedenzwirkung, die ein Schuldenerlaß in diesem Umfang haben könnte – etwa für Lateinamerika. Denn was den Polen zugesagt wurde, ist weit mehr, als die angelsächsischen Banken im Umgang mit südamerikanischen Ländern akzeptiert haben. Die privaten Gläubiger werden sich gleichwohl nicht herauswinden können, da sie von den Regierungen in die Zange genommen werden: Ohne kommerziellen wird es auch keinen staatlichen Schuldenerlaß für Polen geben.

Polen ist zu beglückwünschen – doch die Einigung von Paris wirft auch Fragen auf. Vor allem die, ob nun auch andere Länder, denen es wirtschaftlich noch schlechter geht als Polen, ähnlich großzügig bedacht werden. Es liegt auf der Hand, daß die hochverschuldeten ärmsten Länder Afrikas nicht schlechter behandelt werden können. Aber auch Peru, das wie Polen als Land mit mittlerem Einkommen gilt, hat bereits öffentlich darum gebeten, wie das polnische Vorbild entschuldet zu werden. Diesem – jetzt auch noch von einer Seuche geplagten – Land, dessen Bevölkerung eine wirtschaftliche Roßkur nach der anderen über sich ergehen lassen muß, das seine Zinszahlungen wieder aufgenommen hat, aber aus eigener Kraft nicht aus der Schuldenfalle herauskommen kann, ist die Gleichbehandlung kaum zu verwehren.

Und was ist mit Brasilien? Obwohl selbst einer der Spitzenreiter in Sachen Verschuldung, ist es als drittgrößter Gläubiger Polens gezwungen worden, ebenfalls einen Forderungsverzicht zu leisten. Wenn man einem so maroden Land wie Brasilien abverlangt, sich wie die reichsten Industriestaaten zu verhalten, muß man ihm seinerseits entgegenkommen.

Offizielle Sprachregelung ist aber, daß Polen ein Einzelfall bleiben soll – wenn auch nicht ganz. Ein einziges weiteres Land, so die Vereinigten Staaten, sei in einer vergleichbaren Lage und könnte ähnlich entschuldet werden: Ägypten. Gespräche über eine Entlastung, die nichts anderes wäre als eine Belohnung für den militärischen Beistand im Golfkrieg, sind bereits im Gange. In Bonn wird kritisiert, daß damit ein Land begünstigt würde, das in der Vergangenheit ausreichende Finanzhilfen erhielt, sie aber nicht vernünftig eingesetzt hat. Hier zeichnet sich daher ab, daß der Schuldverzicht von den Vereinigten Staaten zum Mittel der Außenpolitik gemacht werden soll. Politisches Wohlverhalten und die geostrategische Lage eines Landes zählen mehr als die Bedürftigkeit. Es ist fraglich, ob diese Linie sich durchsetzen kann. Die Einigung von Paris ist ein so tiefer Einbruch in die Front der Gegner eines allgemeinen Schuldenerlasses, daß die Bresche sich nicht einfach schließen lassen wird. Am Beispiel Polen wird vorexerziert, daß möglich ist, was nicht nur Dritte-Welt-Gruppen gefordert haben, sondern auch der ermordete Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen. Danach kann man nicht wieder zur Tagesordnung übergehen und Lateinamerika und Afrika einfach in seinen Schulden ersticken lassen. Thomas Hanke