Von Michael Schwelien

Eine Idylle. Zehn Herren, einige mittleren, andere jüngeren Alters, spielen auf einem englischen Rasen Rugby. Ihre ungelenken Würfe und die wenig aggressive Spielweise zeigen, daß ihnen der britische Kampfsport fremd ist. Sie rennen nach dem Ball, aber sie raufen nicht. Doch die Heiterkeit endet abrupt. Es ist der 6. August 1945, und der britische Major Rittner kündigt einem der Männer, dem deutschen Chemiker Otto Hahn, an, daß am Abend die BBC den Abwurf einer gewaltigen amerikanischen Bombe auf eine Stadt irgendwo in Japan melden wird.

Der fassungslose Hahn will zunächst nur eines wissen: War die Bombe aus Uran? Denn Hahn hatte im Frühjahr 1938 ein Experiment fortgeführt, das die jüdische Leiterin der physikalisch-radioaktiven Abteilung des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, Lise Meitner, abbrechen mußte, weil die Nazis sie zur Flucht gezwungen hatten. Er hatte, wie es damals hieß, „einen Atomkern zum Platzen gebracht“, also als erster Wissenschaftler der Welt das Atom gespalten, den ersten Schritt zur friedlichen wie auch zur kriegerischen Nutzung der Kernenergie getan.

Hahn und die neun anderen Deutschen waren die Elite der Chemiker und Physiker im Dritten Reich, der „Uranverein“. Amerikanische Sondereinheiten hatten bei Kriegsende die meisten von ihnen in Hechingen und Haigerloch aufgespürt. Im komfortablen Landsitz Farmhall in der Nähe von Cambridge wurden sie interniert. Die Abendnachrichten sollten ihnen bestätigen, was sie nach Hahns Vorladung schon ahnten: Den Amerikanern, nicht ihnen, war es gelungen, als erste eine Atombombe zu zünden.

Ein Fernsehfilm in zwei Teilen (Ende der Unschuld, ARD, 3. und 7. April 1991, jeweils 20.15 Uhr) des Autors Wolfgang Menge und des Regisseurs Frank Beyer – das Spannendste, was der Sender seit Jahren produziert hat – zeichnet die Stationen auf dem Wege von Hahns Entdeckung bis zur Vernichtung von Hiroshima. „Ohne die deutsche Atomforschung wäre keine Bombe auf Hiroshima gefallen“ – auch auf diese Erkenntnis kommt es Wolfgang Menge in seinem Film – mit hervorragenden Schauspielern wie Udo Samel, Hanne Hiob, Jürgen Hentsch besetzt – an.

Drei unterschiedliche Reaktionsweisen auf die Schreckensmeldung zeigen, wie die Wissenschaftler in englischer Gefangenschaft über ihre Rolle beim Wettlauf um die Bombe dachten. Otto Hahn will sich umbringen. Er hatte schon unter anderen Vorzeichen am 22. Juni 1941, als Deutschland die Sowjetunion angriff und überdeutlich wurde, daß die Wissenschaft ihre Unschuld verloren hatte, angekündigt: „Wenn meine Entdeckung dazu führt, daß Hitler eine Atombombe bekommt, nehme ich mir das Leben.“

Werner Heisenberg, Atomphysiker und Nobelpreisträger, der wegen seines Renommees den „Uranverein“ faktisch leitete, markiert Unschuld: „Mir ging es nie um Bomben.“ Im Verhör bezeichnet er seine Tätigkeit als „aktiven Widerstand“. Er habe nur dort Konzessionen gemacht, „wo es nicht wehtut“. Die unausgesprochene Rechtfertigung: Er, Heisenberg, habe Hitler die Bombe durch Verzögerung vorenthalten. 1956 stützte vor allem Robert Jungk in seinem Buch „Heller als tausend Sonnen“ die Version, die deutschen Physiker hätten Hitler aus moralischen Gründen die Bombe nicht gebaut.

Kurt Diebner dagegen, Kernphysiker und Regierungsrat im Heereswaffenamt, der bis Mitte 1942 offiziell leitete, was die Wehrmacht als „Atomkackerei“ verspottete, gesteht ohne Wenn und Aber, daß die Bombe gebaut werden sollte und daß alle im Verein – mit einer Ausnahme – Parteigenossen waren. Schon bald nach dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, hatte er erklärt: „Ich habe vor, eine Uranbombe zu bauen, so schnell es geht.“ Und er wußte auch, die Kettenreaktion „wird die Welt verändern“.

Ihm, Diebner, stellt der Amerikaner Julian Green die sowohl für den Film als auch die historische Wahrheit entscheidende Frage: „Warum haben Sie die Bombe nicht gebaut?“

Wolfgang Menge hat für das Drehbuch mit äußerster Akribie recherchiert. Frank Beyer, ehedem Schauspielregisseur in Dresden und bei der Defa („Spur der Steine“), aber in den siebziger Jahren von der DDR mit Arbeitsverbot belegt, hat durch eine Bildführung, die auf „Atmosphärisches“, etwa auf längere Originaldokumentation, weitgehend verzichtet, fast ein Bühnenstück inszeniert. Die Dialoge beruhen oft auf wörtlichen Zitaten aus Tagebüchern und Interviews. Professor Erich Dagge, ein von Diebner rekrutierter Assistent Heisenbergs und auch in Farmhall interniert, stand als wissenschaftlichen Berater dem Filmteam zur Verfügung. Allein der Amerikaner Green ist eine Kunstfigur, stellt einen jungen deutschen Juden dar, der nach Amerika emigriert war und im Dienst der amerikanischen Streitkräfte die deutschen Forscher aufspürt und verhört.

Warum also waren, wie die BBC damals nicht ohne triumphalen Unterton meldete, „Amerikaner, Briten und Kanadier erfolgreich, wo deutsche Wissenschaftler versagten“? Weshalb gelang das „Manhattan Project“, nicht aber der Bau der „Uranbombe“?

Als Hahn seiner Freundin Lise Meitner im Dezember 1938 von seinem Erfolg berichtet und diese die Forschungsergebnisse weitergegeben hatte, wußte die kleine Gruppe der Atomforscher auf der ganzen Welt, was nun möglich werden würde. Leo Szilard und Edward Teller, der später „Vater der Atombombe“ tituliert wurde, sprachen bei dem nach Amerika ausgewanderten Albert Einstein vor, damit dieser Präsident Franklin D. Roosevelt die schreckliche Bedeutung von Hahns Entdeckung erkläre. Enrico Fermi, der ebenfalls später in Los Alamos an der amerikanischen Bombe mitbauen sollte, beschied Heisenberg, der ihn im Sommer 1939 in New York besuchte, unmißverständlich: „Hier wären Sie auf der Seite des Anstands und der Zivilisation.“ Der Italiener riet dem Deutschen, auszuwandern. Doch Heisenberg zog es vor, in Deutschland zu bleiben. Im Herbst 1941 besuchte er Niels Bohr, den „Vater der Atomphysik“, im besetzten Kopenhagen. Über das Gespräch zwischen dem als „Halbjuden“ verfolgten Bohr und dem ehedem als „weißen Juden“ angegriffenen, aber von Heinrich Himmler persönlich „rehabilitierten“ Heisenberg muß auch der Film spekulieren. Es gab keine Zeugen. Aber so viel ist sicher: Die beiden führenden Forscher wußten, daß mit der Kernspaltung der Weg zur Bombe frei war. Und 1941 zweifelte noch kaum einer am deutschen Kriegserfolg. War es schlicht die Tatsache, die Carl Friedrich von Weizsäcker, Mitarbeiter Heisenbergs und einer der zehn in Farmhall, lange nach dem Kriege anführen sollte, daß nämlich die Deutschen nur acht Millionen Mark für ihr Atomprojekt ausgaben, während die Amerikaner zwei Milliarden Dollar investierten – war es diese simple Macht des Geldes, welche den Westen die Bombe bauen ließ?

Kurt Diebner ist ein Teetrinker und süßt sein Getränk gern mit vielen Stückchen Zucker. Beim Ritual des Zuckerauflösens kommt ihm die Idee, das Uran nicht, wie Heisenberg es wollte, in Schichten in das schwere Wasser zu plazieren, sondern es in Würfeln darin zu suspendieren. Diebner frohlockt: „Kurtchen schafft als erster die Kettenreaktion.“ Kurtchen, der Sohn eines Konditors, nicht Heisenberg, der Nobelpreisträger. Tatsächlich werden mit seiner Methode mehr Neutronen eingefangen als mit Heisenbergs Verfahren. Doch dessen Schichtenmodell erlaubt genauere Messungen. Und Diebner wagt nicht, den arrivierten Professor zu kritisieren. Für den ist Diebner offenbar ein Emporkömmling, den er ignoriert.

Die Wehrmacht setzt andere Prioritäten. Sie verspricht sich von der Raketenforschung Wernher von Brauns schnellere Erfolge. Die Leitung des Unternehmens „Uranmaschine“ wechselt. Bildungsminister Abraham Esau setzt Diebner ab. Doch alsbald nimmt Albert Speer, der nach Stalingrad die deutsche Niederlage voraussieht, ein weiteres Revirement vor. Unter den Bomben der alliierten Luftwaffen wird in Frankfurt eine ganze Sendung Uran von der Degussa zerstört. Die Berliner Institute müssen evakuiert werden. Doch stets versuchen Diebner und Heisenberg einander die raren Rohstoffe abzujagen. Heisenberg, der Theoretiker, der 1942 den Militärs erklärt hatte, daß eine Bombe „so groß wie eine Ananas“ sein würde und der Weg zu ihr „frei“ sei, obsiegt über den Politiker Diebner – bis er es im Frühjahr 1945 in einem Felsenkeller in Haigerloch dann doch mit des Konkurrenten Würfel-Anordnung versucht. Nur: Jetzt fehlen ihm 750 Kilo Uran und 750 Kilo schweres Wasser. Bevor er sie erhält, haben die Amerikaner ihn gefangengenommen, sein Material beschlagnahmt.

Wäre die Geschichte genauso verlaufen, wie Menge sie erzählt – und das minutiöse Buch „Die Uranmaschine“ des amerikanischen Historikers Mark Walker aus dem Jahre 1990 bestätigt ihn –, dann hätten nicht nur Geldmangel und der Kriegsverlauf Hitler die Bombe vorenthalten. Dann wäre deutscher Größenwahn an noch einer anderen deutschen Untugend gescheitert: an der Arroganz, am Klassendünkel.

Wolfgang Menge hat nach eigenen Angaben mehrmals versucht, Carl Friedrich von Weizsäcker über dessen und Heisenbergs Rolle im „Uranverein“ zu befragen. Von Weizsäcker habe aus zeitlichen Gründen abgelehnt. Im August vergangenen Jahres gewährte der Physiker und Philosoph dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt ein Interview. Darin erinnert er sich an ein Gespräch vom Februar 1939 mit dem Philosophenfreund Georg Picht. Die Zeitung zitiert von Weizsäcker so:

„Nach meiner Erinnerung ... war die Frage, ob man für diesen sonderbaren Menschen Hitler die Bombe macht oder nicht, eine sekundäre. Denn Hitler, so dachten wir, wird eines Tages nicht mehr da sein. Die Bombe aber wird bleiben. Wie man sich Hitler gegenüber verhalten muß, ist zwar ein akutes Problem, über das wir als Deutsche nachdenken müssen. Aber die Bombe beschäftigte uns im Zusammenhang mit der Frage, wie die Menschheit verändert werden muß, wenn die Bombe unausweichlich stattfinden wird.“

Sie wußten, was sie tun.