Einer gegen alle

Die Veranstaltung findet im Abseits statt. Hinter der Stadt fährt man in eine Sackgasse hinein, an Brachland und Schrebergärten vorbei, einem Schotterplatz, einer ausrangierten Gasfabrik. Es taut in Marburg, der Himmel grau in grau. In einem schlammigen Hinterhof voller Pfützen und Dreck steht ein Fabrikschlot, dahinter eine Halle: das „Theater neben dem Turm“. Wer sich hierhin verirrt, hat schon die halbe Höllenfahrt hinter sich.

Der Herr, der am Eingang die Programmzettel verteilt, sieht eher unscheinbar aus. Man hält ihn für einen Gehilfen des Künstlers, der gleich die Bühne besteigen wird. „Jacken- und Stuhlparabeln“ sind angekündigt, „Welttheater“ gar soll geboten werden, Gleichnisse, Belehrung, Virtuosität... Der Gehilfe brabbelt in einem fort auf das Publikum ein, plaziert die notorischen Zuspätkommen fingert an den Requisiten, befragt das Auditorium nach speziellen Wünschen – bis man kapiert, daß die Vorstellung bereits in vollem Gange ist.

Eineinhalb Stunden später erwacht man aus einer Art Delirium, man wird höflich gebeten, von Beifallskundgebungen möglichst Abstand zu nehmen, Klatschen sei eine Beleidigung, und dann schleicht man nach draußen. Franz Josef Bogner, 56 Jahre alt, „Beamter auf Lebenszeit bis 1963“, macht es uns und sich nicht leicht. Der Mann ist ein Überzeugungstäter. Ministrant, Klassenkasper, Radrennfahrer, Justizsekretär (in dieser Reihenfolge), dann Pantomime (weil er angeblich nicht sprechen konnte), dann Kabarettist (weil er dann doch sprechen wollte), derzeit hauptberuflich Literat und Clown: So was wird man nicht zum Spaß. Ein Clown ist ein deformierter Mensch, und Bogner meint das absolut ernst: „Authentisch“ will er sein – und das heißt für ihn, daß er als Künstler den Dienst verweigert. Vergessen wir also alle Shakespeare-Clowns und Nestroy-Witzlinge, alle Commedia-Figuren und Stummfilmkomiker und Jango-Edwards-Fools: alles Lüge, alles Kunst. Die wirkliche Kunst ist die der Kunstverweigerung.

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Der erste Abend ist noch ein Fest, eine Versöhnungsfeier, eine wahre Freundlichkeit gegenüber dem Zuschauer. Der Protagonist kämpft mit Stuhlbeinen und Hosenträgern, entwirft Denker-Posen, taumelt kopfüber in ausgesucht vornehme Jacketts, die sich alsbald als Zwangsjacken erweisen, nuschelt und kommentiert ins Publikum, flirtet sogar und wird nur einmal böse, als jemand seine Robinson-Crusoe-Nummer stört. Die Getriebenheit und Hektik, mit der Bogner vor sich hin philosophiert, sind sichtlich mühsam hergestellt, sie lassen ihn mehr als einen vom Speakers’ Corner erscheinen denn als Theaterprofi. Genüßlich nimmt er das Tempo zurück und beginnt ein pantomimisches Exerzitium: „Die Ballade von der Hände Arbeit“, „der ewige Kreislauf der Natur“, ein Sämann, der nach der hohen Schule des Marcel Marceau auf der Stelle tritt. Ein Pantomime ist einer, der das Maul halten muß. Seht her, das ist was für die Abonnenten, das ist Verarschung, dafür zahlen die Geld ...!

Von Bogner aber bekommt man nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Sagt er. Die Welt ist voller feindlicher Objekte, die nur ein Ziel haben: die Zurichtung des Menschen zum zivilisierten Wesen. Jacken, Stühle, Hosenträger... Das Publikum ist brav und kommt einigermaßen ungeschoren davon.

Doktor Fausti Weheklag

Am zweiten Tag stoßen wir zu den Klassikern vor: „Faust“. Alle Rollen (mit Hilfe eines Reclam-Bändchens): Franz Josef Bogner. Unter seinen Händen verzerrt sich das Stück zu einer häßlichen, bitteren Grimasse, die Worte klingen fad und hohl, sie sind nicht mehr Spielanlaß, sondern nur Abglanz einer fernen, unendlich professoralen Liturgie, ein „Goethe-Porno“. Warum? Weil man Klassiker-Texte „genital“ sprechen müsse, weihevoll, von unten her. „Dem kann kein abendländischer Kulturchrist sich entziehen, der geht ins Theater, und dann hält er wieder zwei Wochen durch.“

Was macht ein Clown mit einem deutschen Drama? Er bringt es lustvoll durcheinander, er dreht den großen Konflikten eine Nase und turnt sich ins Freie. Was macht ein „authentischer“ Clown mit einem deutschen Drama? Er zerstört es, er macht es kaputt wie ein böses Kind ein ungeliebtes Spielzeug. Bogners Faust-Version ist ein Rachefeldzug und eine Strafexpedition gegen alles, was furchtbare Deutschlehrer und noch furchtbarere deutsche Stadttheater-Regisseure einem so antun können. Das ist manchmal lustig und manchmal auch peinlich, denn dem Rächer ist kein Mittel zu schade. „Da steh ich nun, ich armer Tor“, mitten in der Studierstube – Bogner aber, der das haareraufend deklamiert, macht eine ungeheure Entdeckung: Deutsche Theater-Fäuste sitzen, am Schreibtisch oder anderswo. Leise Unruhe im Publikum ob der billigen Pointe.

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