Von Thomas Hanke und Wilfried Herz

Mit einer Bemerkung den Kurs einer Weltwährung hinauf- oder hinunterzureden – diese Macht haben nur wenige, die Notenbankpräsidenten und Finanzminister der größten Industriestaaten gehören dazu. Sie werden dafür bezahlt, ihre Zunge im Zaum zu halten. Und wenn sie einmal vergessen, wie sensibel die Märkte auf jedes ihrer Worte reagieren, passiert leicht ein Erdbeben: So im Oktober 1987, als der amerikanische Finanzminister James Baker über die hohen Zinsen der Deutschen schimpfte und damit einen spektakulären Börsenkrach auslöste.

Vor ein paar Tagen schien „Europas einflußreichster Geldpolitiker“ (Newsweek) die goldene Regel der Währungshüter vergessen zu haben: Als Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl in Brüssel erklärte, die deutsch-deutsche Währungsunion sei ein Desaster, das vorhersehbar gewesen sei und sich bei der Europäischen Union nicht wiederholen dürfe, sackte der Kurs der ohnehin geschwächten Mark abrupt ab.

Ist da einem Profi ein Fehler unterlaufen? Keineswegs. Pöhl ist ein mediengeschulter Meister. Nur scheinbar ungewollt läßt er folgenreiche Nebensätze fallen. Warum aber fuhr er ohne erkennbaren Anlaß jüngst so grobes Geschütz auf? War es Ranküne, oder befürchtet er, von der Bundesregierung bei der Europäischen Währungsunion ähnlich überfahren zu werden wie bei der Entscheidung für die deutsche?

Ende voriger Woche wurde klar, daß Pohl durchaus Anlaß zur Besorgnis hat. An Bundesbank und Finanzministerium vorbei veröffentlichten Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und sein französischer Kollege Roland Dumas in Paris eine Erklärung zu Fragen der geplanten Wirtschafts- und Währungsunion in Europa. Einige der Formulierungen dürfte Pöhl als den Versuch werten, auf französischen Druck hin die Bundesbank bereits 1994 an die Kette zu legen, ohne daß Paris seinerseits ein Stück Souveränität an eine unabhängige Zentralbank überträgt. Dies aber kommt einem Alptraum nahe, den Pohl gerne schildert: Die Franzosen wollten gar keine unabhängige europäische Zentralbank, die er selbst durchaus akzeptiere, sondern lediglich eine Zwischenstufe, bei der die Bundesbank ihre Unabhängigkeit einbüße und nicht mehr die Geldpolitik betreiben könne, die sie für erforderlich halte.

Vor diesem Hintergrund bekommt Pöhls Angriff mitsamt dem Schwächeanfall der Mark plötzlich einen Sinn – als Schuß vor den Bug der Bundesregierung: Vergeßt nicht, was passiert, wenn die Bundesbank öffentlich die Regierungspolitik kritisiert. Ein Berater des Bundeskanzlers meint denn auch: „Die message war nach Bonn gerichtet. Pöhl versucht, sich bei der Regierungskonferenz so teuer zu verkaufen, wie es geht.“

Die Verärgerung zwischen Bonn und Frankfurt sitzt aber noch viel tiefer, als dieser Eklat vermuten läßt. Schon seit der ungewollten Ausdehnung der D-Mark auf die Ex-DDR fürchtet die Zentralbank um ihre Autonomie. „Man findet kein überzeugendes Argument gegen die im Ausland entstandene Ansicht, daß der Bundesbank auf ihrem ureigensten Handlungsgebiet die Führungsrolle genommen wurde“, klagte bereits im Mai 1990 der Präsident der niedersächsischen Landeszentralbank, Helmut Hesse. Und sein Hamburger Kollege Wilhelm Nölling warnte, Bonn könne „uns nicht auf die Dauer präjudizieren, ohne daß das Ansehen der Bundesbank leidet“.