Mackenrode

In Mackenrode, einer 300-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Göttingen, gehen seltsame Dinge vor: kahlgeschorene junge Männer, die in Bomberjacke und Springerstiefeln in Zweierreihen singend durch den Ort marschieren; mit Sensen und Speeren bewaffnete Trupps, die am Dorfrand den Sturmangriff proben. Im Mittelpunkt des furchterregenden Treibens steht Karl Polacek. Der niedersächsische Landesvorsitzende der neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) hat sein Holzhaus in eine Festung verwandelt. Die Wände sind mit Tarnnetzen verhängt, im Garten kläffen Schäferhunde, der Hausherr hat sich hinter Nato-Stacheldraht verbarrikadiert. Um sein „Schulungszentrum“ künftig noch rigoroser abzuschotten, hat Polacek jetzt sogar Sperrgitter von der ehemaligen Zonengrenze demontiert, die nur wenige Kilometer entfernt ist.

„Wir müssen immer auf einen Großangriff der Linken vorbereitet sein“, sagt der 56 Jahre alte Österreicher und präsentiert ganz ungeniert seine umfangreiche Waffensammlung: Äxte, Beile, Dolche, Macheten, Gewehre, Pistolen, Schlaghölzer und -ketten. Daß es sich dabei nicht nur um Antiquitäten handelt, haben Polacek und seine Leute in der Vergangenheit oft genug schlagkräftig unter Beweis gestellt.

Gerade dieser Tage steht der bereits vierfach vorbestrafte Neonaziführer erneut vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, mit einem Beil auf eine Frau eingeschlagen zu haben. Polacek dagegen behauptet, die „politische Gegnerin“ sei ihm in Panik gegen die Klinge gelaufen und habe sich die tiefe Schnittwunde an der Stirn selbst zugefügt. „Wenn ich zugeschlagen hätte, dann brauchte die keinen Hut mehr“, prahlte der ergraute Fanatiker mit dünnem Bart und Halbglatze und erinnerte an seine Jugend als Holzfäller in Lappland. Vorerst ist der Prozeß geplatzt. Polaceks Anwalt legte sein Mandat nieder, weil er sich selbst im Gerichtssaal angeblich nicht sicher fühlte.

Wie auch immer. Was am 14. Juli vergangenen Jahres mitten in Mackenrode geschah, erhellt die Gewalttätigkeit der Szene schlagartig. Der Bericht, den Polacek hierüber zu seiner eigenen Verteidigung verfaßt hat, zeugt von einem wahnhaften Feindbild. Von „linken Spähern“ ist da die Rede, die auf der Lauer liegen, und „daß sich in gewissen Häusern größere Mengen von gewalttätigen Linken aufhalten“. Und dann kommt es zum scheinbar unvermeidlichen Zusammenstoß: Drei „Punkerinnen“ stellen sich dem Auto des FAP-Chefs entgegen, spucken ins offene Wagenfenster. Sofort drückt Polacek seinem siebzehnjährigen Begleiter Oliver Simon einen Revolver in die Hand. Der springt raus, schießt einer Frau Leuchtmunition ins Gesicht und ballert mit Platzpatronen um sich.

Angeblich weil Polacek meint, daß sein „Kamerad“ in die Bredouille geraten ist, greift er zum Beil, wartet aber zunächst ab. „Ich hatte das Beil unschlüssig in Kopfhöhe gehalten, als die Punkerinnen gerannt kamen“, heißt es in seinem Bericht. „Aus ihrem Gekreische konnte ich schließen, daß Oliver alles unter Kontrolle hatte.“ In panischem Lauf sei ihm daraufhin die „Spuckerin“ vor die Klinge gerannt. „Ich kann mich erinnern, daß ich kurz lachte.“

Während dieser Zwischenfall noch vergleichsweise glimpflich abging, endete eine andere Auseinandersetzung tödlich. In der vergangenen Silvesternacht stachen zwei kahlköpfige Anhänger des FAP-Chefs einen Wehrpflichtigen nieder, den sie als Linken ausgemacht hatten. Einer der beiden Skinheads: der Polacek-Zögling Oliver Simon, der seinen Ziehvater nicht nur im Auto begleitete, sondern auch in dessen Haus in Mackenrode wohnte. Nach seiner Verhaftung gleicht das frühere Zimmer des heute Achtzehnjährigen einer Gedenkstätte: dekoriert mit Stahlhelm, Schlagkette, Dolchen und einem Hitler-Relief – wie auf einem Altar zur Schau gestellt. Simons Opfer überschüttet Polacek dagegen mit Hohn. „Wir nennen ihn nicht Soldat, sondern Gruftie“, sagt der Neonaziboß über den Zwanzigjährigen, der seinen Tod gewissermaßen selbst verschuldet habe, weil er sich in der antifaschistischen Szene bewegte. „Die haben einen großen Zirkus gemacht bei seiner Beerdigung.“