Tibet, jenes verbotene Land im Herzen Asiens, scheint für Europäer ein ewiges Faszinosum zu sein. Von den ersten Missionaren, die im 17. Jahrhundert auf das hermetisch abgeschlossene Dach der Welt vordrangen, bis zu den wenigen Touristen, die heute unter chinesischer Kontrolle das von den Kommunisten in Beijing unterjochte Land besuchen können, schlägt es so gut wie jeden in seinen Bann. Dies ist zum einen der Vielfalt grandioser, weitgehend unberührter Landschaften zu verdanken, die von den Felswüsten im Westen bis zu den Bergdschungeln im Osten reichen, wo der Brahmaputra, der Mekong und andere große Ströme Asiens entspringen. Gleichermaßen beeindruckend sind die ursprüngliche buddhistische Kultur in ihrer Variante des Lamaismus und die sie prägenden und von ihr geprägten Menschen.

Vor allem den Menschen hat sich ein Deutscher zugewandt, welcher dieser Faszinationskraft Tibets erlegen ist. In einem soeben erschienenen Bildband versucht er, die „Gesichter Tibets“ (Friedemann Berger; 200 Farbfotos und Betrachtungen, 196 Seiten; eine Gemeinschaftsausgabe des Verlages für fremdsprachliche Literatur Beijing und des Gustav Kiepenheuer Verlages Leipzig und Weimar; 48,– DM) zu vermitteln. Friedemann Berger war, bevor er 1985 nach China ging, Cheflektor der Leipziger Verlagsgruppe Kiepenheuer. Berger hat – wie er selbstkritisch einräumt – „mit Hilfe einer keineswegs professionell gehandhabten Kamera“ Bilder des Alltagslebens aufgenommen, davon 200 ausgewählt und in einem konventionellen, nicht gerade verführerischen Layout präsentiert. So sind denn die kenntnisreichen Texte des Autors, welche in die tibetische Kultur einführen, oft farbiger als die (ORWO Color-)Photographien. Berger erklärt Denken und Glauben, Lebensweise und Geschichte der Menschen.

Doch dabei stößt der Leser auf eine eigentümliche Lücke: Die Tragödie des tibetischen Volkes, das seit Jahrzehnten von Chinesen aus rassistischer Arroganz und imperialem Machtanspruch heraus unterdrückt wird, bringt westliche Tibetkenner dazu, kritiklos für den Dalai Lama Partei zu ergreifen. Bei Friedemann Berger hingegen taucht die gesamte politische Dimension des „Tibet-Problems“ nur stichwortartig in einer ausführlichen Chronik auf. Diese Abstinenz mag Bergers Status als Bürger der ehemaligen DDR in der Volksrepublik China zu schulden sein, zu entschuldigen ist sie nicht für ein Buch, welches das heutige Tibet und seine Menschen zu zeigen beansprucht. M.S.