Die zentrale These meines Buches und unseres Films war nicht, daß wir Deutsche während des Krieges eine Atombombe hätten bauen können, sondern daß die Bombe, die auf Hiroshima abgeworfen wurde, eigentlich für „Berlin“ bestimmt war, daß sie allein deshalb entwickelt und gebaut wurde, weil die Alliierten, nicht grundlos, befürchteten, daß in Hitlers Deutschland an einer solchen Waffe gearbeitet würde.

Vor allem diese Arbeit schildert der Film, jedoch ohne die spekulativen Fragen zu entscheiden, ob die Männer des „Uranvereins“ es nun gekonnt, nicht gekonnt, gewollt oder behindert haben. So was weiß man erst hinterher. Auch die Amerikaner waren sich erst sicher, daß sie es geschafft haben, nachdem Trinity am 16. Juli 1945 explodiert war. Von Helden und Schurken mögen andere erzählen; mich hat an den betroffenen Menschen vor allem ihre Ambivalenz interessiert.

Daß sich der Autor eines solchen Fernsehspiels streng an die verfügbaren Tatsachen zu halten hat, sollte selbstverständlich sein. Doch ebenso selbstverständlich ist, daß Spielräume für Deutungen bleiben, in denen der Fernsehspiel-Autor lebt.

Die Themen dieses Fernsehspiels lauten in Schlagwörtern: Forschung und ihre Folgen, skrupellose Diktatoren und ihre Waffen, Forschung in einem totalitären Regime.

„Ende der Unschuld“ ist ein Fernsehspiel. Natürlich sind die Dialoge ausgedacht, wenngleich sie sich inhaltlich soweit wie möglich an das halten, was sorgfältige Recherchen ergeben haben. Ein Fernsehspiel braucht und nimmt sich die Freiheit, jeden Stoff nach Gesichtspunkten zu organisieren und zu pointieren, die für ein Spiel gelten. Eine Person einzuführen, die, im Unterschied zu den anderen, frei erfunden ist, gehört zu den Möglichkeiten eines Spiels und hilft (wie in unserem Falle), Ereignisse in Minuten darzustellen, die Jahre gefüllt haben. Gleichzeitig verfügen wir damit über eine Position, von der aus vorgebracht werden kann, was erst nach dem historisch festgelegten Datum des Spielendes bekannt wurde.

Für die Darstellung von Personen, die an den Ereignissen beteiligt waren, gilt ebenfalls eine Relation von belegbaren Dingen und Einschätzungen. Selbst diese kann durch die Schauspieler noch einmal verändert werden, wenn man nicht nach Äußerlichkeit besetzt, sondern nach Qualität. So habe ich etwa Leo Szilard in einem ausführlichen Portrait als einen ziemlich gemütlichen, kleinen, rundlichen Mann beschrieben, aus dessen Augen „Witz und Intelligenz blitzten“; gespielt hat ihn ein ziemlich nervöser, langer Dünner. Über Kurt Diebner beispielsweise, den ich im Unterschied zu fast allen Veröffentlichungen zu einer Hauptperson gemacht habe, urteilt Herr von Weizsäcker, dieser sei selbst als Nazi Opportunist gewesen. Ich weiß es nicht. Herr von Weizsäcker aber auch nicht. (Diebners Sohn urteilte, daß die Rolle seines Vaters zum ersten Mal angemessen dargestellt worden ist.)

Zweites Beispiel: Heisenberg und sein Gespräch mit Niels Bohr. Obwohl ich lieber gelesen hätte, was sich nun wirklich zwischen diesen beiden zugetragen hat, beschränkt sich Herr von Weizsäcker auf den eher marginalen Vorwurf, in dem Fernsehspiel würde so getan, als hätte Heisenberg nie verhehlt, daß dieser Besuch im Herbst 1941 bereits ein halbes Jahr vorher, im Frühjahr 1941, vorbereitet worden war. Hier habe ich mich nun ganz am Selbstzeugnis von Heisenberg orientiert. In seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ steht dazu wörtlich nichts anderes als: „Im Herbst 1941, in dem wir schon ein einigermaßen klares Bild von der technischen Entwicklung zu haben glaubten, verabredeten wir also, daß ich auf Einladung der deutschen Botschaft in Kopenhagen dort einen wissenschaftlichen Vortrag halten sollte. Dabei wollte ich die Gelegenheit benützen, um mit Niels über das Uranproblem zu sprechen.“

Der guten Ordnung halber noch dies: Ich habe nie behauptet, Herr von Weizsäcker habe ein Gespräch mit mir verweigert. Ich habe immer gesagt, er hätte dafür keine Zeit gehabt. Und das läßt sich mit der (ausführlichen) Korrespondenz zwischen dem Produzenten des Fernsehspiels und Herrn von Weizsäcker belegen. Wolfgang Menge