Von Karl A. Vororth

Abenteuer ist angekündigt, aber offensichtlich ereignet es sich erst später. Im Augenblick jedenfalls läuft im „Kolosseum“ in Lübeck nicht mehr ab als der Auftakt zu einem mäßig besuchten Folkloreabend. Weiß-blaue Fähnchen und Plakate von Schäreninseln schmücken das Foyer, die Koasters spielen Oldies, Frauen in Samen-Tracht schenken Sekt aus. Familien sitzen familienweise zusammen, blättern in Katalogen und kreuzen Antworten an, immerhin ist eine Reise mit der Finnjet zu gewinnen. Eine Atmosphäre wie während der Pause im Ohnsorgtheater.

Doch nun beginnt die Verkaufsveranstaltung tatsächlich. Ihr Name: „Diapanoramavision“. Das Produkt: Finnland. Das Medium: Diapositive. Das Lockmittel: Abenteuer. Der Werbeverkäufer: Jörg Trobitzsch.

Der hatte vor zwölf Jahren auch als erster mit einer „Multivisionsshow“ über skandinavische Länder begonnen. Günter Baumgart kam dazu und Helfried Weyer, der heute mit „Terravision“ durch die Lande zieht: gewaltige Leinwände, 400-Watt-Projektoren, „Tibet“, „Galapagos“, ausverkaufte Vorstellungen.

Glorreiche Zeiten waren das gewesen zu Beginn der achtziger Jahre, auch einträgliche, als Trobitzsch fünfundzwanzigmal den großen Saal des Hamburger Congress-Centrums mit „Norwegen“-Begeisterten füllte. Mittlerweile reisen etwa siebzig „Präsentatoren“ durch die Bundesrepublik, nicht miteingerechnet all die lokalen Abenteuergrößen, die in Gemeindehaus und Volkshochschule das heimische Publikum mit den Ergebnissen ihres eifrigen Knipsens erfreuen. Sie organisieren ihre eigenen Tourneen oder lassen sich von Fremdenverkehrsämtern und Buchhändlern weiterreichen. Wer Glück und einen Namen hat, darf auf den Tourismusbörsen als amuse gueule fungieren oder wird von Industrieunternehmen für das hauseigene Kulturangebot eingekauft.

Heute abend sind sie alle wegen Jörg Trobitzsch gekommen. Den kennen sie von früheren Vorträgen, seine drei „Abenteuer-Almanache“ haben sie gelesen. Seiner Abenteuer wegen sind sie hier. Wegen der Live-Atmosphäre. Und wegen der Photos.

Die Photos setzen jetzt ein. Das Licht im Saal ist abgedunkelt. Begrüßt, eingestimmt und froher Erwartung rücken sich die Zuschauer in ihren Polstersesseln zurecht. Die nächsten eineinhalb Stunden wird die acht Meter breite Leinwand dauernd bunt gefüllt sein, wird, immer wieder anders aufgeteilt, Photos reflektieren, mal längs, mal quer, mal in beide Richtungen, geachtelt, geviertelt, gedrittelt, halbiert. Die Bilder wechseln in raschem Rhythmus, wo eben noch ein harter Kontrast schockte, wird im nächsten Augenblick schon wieder milchig überblendet.