Von Klaus-Peter Schmid

Eigentlich wollte er sich im vergangenen Dezember verabschieden, da wurde er nämlich 65. Dann stand völlig unerwartet ein neuer Minister ins Haus, und der Majordomus entschloß sich zu bleiben, bis die Ernennungsurkunde überrreicht war. Mitte Januar war zwar der Minister im Amt, aber er hatte keinen Staatssekretär. Ein Kandidat sagte ab, der andere wollte in Ruhe seine Amtsgeschäfte abwickeln. Nun wird es Ende April, bis Otto Schlecht, der Unentbehrliche, sein Büro im Haus I des Bonner Wirtschaftsministeriums räumt.

Eine in der deutschen Nachkriegsgeschichte einmalige Karriere geht damit zu Ende. Sie begann vor fast vierzig Jahren mit der Arbeit eines Hilfsreferenten im Ministerium Ludwig Erhards und führte 1973 unter Hans Friderichs auf den Sessel des Staatssekretärs. Gut achtzehn Jahre lang blieb Otto Schlecht auf diesem Posten, ohne daß ihm je ein Regierungswechsel etwas hätte anhaben können. Fälle vergleichbarer Langlebigkeit sucht man in dieser Republik vergeblich.

Der Bonner Chronist Walter Henkels schrieb vor ein paar Jahren: „Er ist ein athletischer, stabiler Typ mit breitem Kreuz, ist zum heiteren, jovialen Allotria immer bereit, im Gesichtsausdruck ist das schön erfaßt, vor allem, wenn Schlecht zu schwäbeln beginnt.“ Genaugenommen kann er gar nicht anders als schwäbeln, der Metzgerssohn aus Biberach an der Riß, und aus den heimischen Gefilden stammen auch häufig seine Bilder. Etwa die Beschreibung des Konjunkturverlaufs als „aufwärtsgerichtetes Waschbrett“ (Prognoseprofis sprachen lieber von der „Wellblechkonjunktur“). Für eine graue Eminenz, das stimmt, war Schlecht immer eine Nuance zu bunt.

Und die Eminenz? Helmut Schmidt hat ihn „eine Institution“ genannt, und daran gibt es nichts zu deuteln. Als „grundfalsche Journalistenmär“ tut Schlecht aber die Behauptung ab, er sei – unabhängig vom jeweiligen Ressortchef – stets Herr im Hause gewesen. „Ich bilde mir ein“, sagt dazu Schlecht, „daß alle Minister mehr oder weniger Wert darauf gelegt haben, auf mich zu hören.“ Genau besehen konnte Schlecht jedoch in seinem ureigenen Bereich, der marktwirtschaftlichen Theorie und Praxis, wie ein kleiner Herrgott schalten und walten. Gewissermaßen als „Herrgöttle von Biberach“, wie es im Oberschwäbischen heißt.

„Ich bin ein nach unten wie oben pflegeleichter Mensch“, versichert Schlecht so, daß man geneigt ist, ihm das abzunehmen. Eine Erklärung für seine Karriere ist das natürlich nicht. Aufschlußreicher scheint der Hinweis: „Ich bin ein engagierter Marktwirtschaftler und ein Liberaler ohne Parteibuch, und ich hatte immer liberale Minister, von Erhard über Schiller bis Möllemann.“

Wenn er die Erfahrungen mit „seinen“ Ministern rekapituliert, dann wird auch klar, daß Otto Schlecht ein konzilianter Mensch sein muß. Ihm fällt nämlich nur Positives ein. Bei Ludwig Erhard, dem Gründervater der Marktwirtschaft, erstaunt das nicht. Er war (neben dem akademischen Lehrer Walter Eucken) das Vorbild. Der frischgebackene Doktor der Wirtschaftswissenschaften durfte sich, gerade 27 Jahre alt, im sozialpolitischen Referat des Wirtschaftsministeriums tummeln – und entdeckte dabei eine „totale Marktnische“. Schlecht: „Da war keiner, der von der Ökonomie der Sozialpolitik etwas verstand.“ In diese Zeit falle das erste Erfolgserlebnis des Regierungsbeamten Schlecht: „Eine meiner ersten entscheidenden Taten in diesem Hause war, daß ich den Ludwig Erhard, der noch stark von der privaten Versicherungslobby beeinflußt war, überzeugt habe, daß im Prinzip eine dynamische Rente zu einer dynamischen marktwirtschaftlichen Ordnung paßt.“