Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Walter Jankas Autobiographie muß man lesen nicht nur, weil sie Zeugnis gibt von einer Zeit, die bereits in Vergessenheit zu versinken droht, sondern auch, weil sie einen Disput provoziert; denn sie läßt mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Versuchsweise formuliert heißt die Hauptfrage, zu der diese Erinnerungen den Leser geradezu zwingen: Kann ein integrer Mann, dessen Charakter und Intelligenz nicht zu bezweifeln sind, dennoch von der Wahrheit immer nur die Hälfte sehen; kann jemand sich den eigenen Erfahrungshorizont - auch den des eigenen Erleidens - verhängen durch ein Transparent, auf das er noch 1989 schreibt: "Ich habe Marx aufmerksam gelesen. Und ich glaube, ihn richtig verstanden zu haben. Selbstverständlich halte ich ihn für den Größten " Die Lebensbahn des Walter Janka war schartig genug - von der KZ Haft des Jungkommunisten und der viehischen Ermordung seines 26jährigen Bruders Albert, des jüngsten (KPD ) Reichstagsabgeordneten, bis zum fünf Jahre langen Verschwinden in Mielkes Verliesen, vor dem der renommierte Leiter des Aufbau Verlages von keinem seiner hochmögenden Autoren, nicht Becher noch Seghers, nicht Bredel noch Zweig, geschützt wurde; dieser Teil der Memoiren, 1989 unter dem Titel "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" vorab erschienen und hier kaum verändert, wurde bereits rezensiert (ZEIT 4689).

Walter Janka ging nach seiner Entlassung aus dem KZ ins Exil nach Prag, von dort als Freiwilliger zu den Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg, der für den mehrfach verwundeten, hochdekorierten Offizier in einem der berüchtigten französischen Lager endete, bis er sich in die Emigration nach Mexiko retten konnte. Der Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg - wo er im Gegensatz zu sich später damit brüstenden Bonzen fraglos tapfer an der vordersten Front kämpfte - widmet Janka den zentralen Teil seiner Memoiren. Und gerade hier klafft ein mächtiges Loch. Womit wir beim Thema wären: Walter Janka meidet durchweg jegliche Auseinandersetzung mit kommunistischem Machtmißbrauch, sowjetischer Taktik, falscher Historiographie. Wenn er - etwa als junger Flüchtling in Prag - davon erfährt, daß ein Genösse durch Kommando "der Freunde in Moskau für 25 Jahre nach Sibirien geschickt wurde", reagiert er kaum: daß Rudolf nach Sibirien gehen mußte, macht mich nachdenklich Das finde ich ein bißchen wenig.

Nun also Spanien. Nicht erst seit den Büchern von Orwell und Hemingway, Koestler und Regler und Bihalji Merin weiß man, daß es GPUMordkommandos gab, die, verdeckt von den Rauchschwaden des Krieges, politisch Mißliebige - wie die Anarchisten - verschwinden ließen, umbrachten. Die Front im spanischen Freiheitskampf verlief keineswegs eindeutig zwischen dem putschenden General Franco samt seinen deutsch italienischen Helfern und den aufrechten Republikanern. In Barcelona - wo Janka gelegentlich war gab es Kerker für die Anhänger der POUM (Partido Obrera de Unificaciön Marxista), die als "trotzkistisch" galt, in Albacete, dem Zentrum des Verwaltungsapparats der Internationalen Brigaden, gab es Folterkeller. Im Hafen von Barcelona ankerte eine Art schwimmendes KZ, ein Schiff, auf dem "Verdächtige" gefoltert und erschossen wurden. In Madrid nannte man diese Einrichtungen passenderweise nach dem sowjetischen Vorbild "Checa". Die Geschichte dieser Jahre hält nicht nur den Irrwitz von Parallelität bereit: Kurz bevor er fiel, erfuhr der Kommandeur der XII. Internationalen Brigade, daß der sowjetische General Tuchatschewski soeben in Moskau als Volksfeind zum Tode durch Erschießen verurteilt wurde; auch in Spanien zerfleischte sich - gleichsam unter dem Propellergedröhn der Legion Condor - die Li ke. Erich Wollenberg berichtet, daß auf Befehl Ulbrichts und des französischen Kommunisten Andre Marty der deutsche Sozialist Kurt Landau in Barcelona verhaftet und in einem spanischen GPU Gefängnis zu Tode gefoltert worden sei. Es ist nicht so, als unterschlüge Janka derlei. Aber er setzt sich nie damit auseinander. Da heißt es etwa: "Ein Jahr später erfuhr ich, daß in Valencia vom Servicio de Informacion Militär der Internationalen Brigaden ein Gefängnis für Spione, Agenten und Trotzkisten eingerichtet worden war. Es zählte zu den Haftanstalten, wo, mit oder ohne Prozeß, Verdächtige verschwanden. Und der Mann, der mich dort hatte hinschicken wollen, war für den S I M in der 11. Brigade zuständig. Er hieß: Erich Mielke - Um mich zu beruhigen, vielleicht auch, um mich vom Dreck der vergangenen Wochen zu befreien, suchte ich eine Badeanstalt auf. Löste gleich die doppelte Zeit, um das heiße Wasser lange genug zu genießen. Und um den Ärger über das idiotische Gespräch zu vergessen. Danach ließ ich mir beim nächsten Friseur die Haare schneiden Ist dieser Ungeheuerlichkeit wirklich mit heißem Badewasser und Haarschnitt beizukommen? Wenn ich schreibe, daß hier ein entsetzlicher Defekt dieses Erinnerungsbuches liegt, zögere ich bereits; es klingt so polemisch, und angesichts der Jahre, die Walter Janka gestohlen wurden, verbietet sich Polemik , Doch was ist es, das ihn - und mit ihm so viele seiner Generation - vor der Analyse der eigenen Erfahrung ausbiegen läßt? Einerseits führt uns Walter Janka einen Walter Janka vor, der nie gekuscht, gelegentlich Befehle verweigert und immer "eine Lippe riskiert" hat; er referiert auch korrekt: "Auch der sowjetische Außenminister Litwinow erklärte im Juli 1938, daß Spanien den Spaniern überlassen bleiben müsse. Und Ilja Ehrenburg schrieb in einem Prawda Artikel vom 17. Juni 1938, den Falangisten müsse man die Versöhnungshand hinstrecken. Nicht genug damit. Er charakterisierte sie als spanische Patrioten Andererseits verbleibt das gewissermaßen im Ton, in dem man "Pannen" notiert - ärgerlich, belästigt, kopfschüttelnd. Die Frage, ob Folter und Mord, ob die Stalinschen Prozesse oder die Ermordung Trotzkis nicht Resultat eines Denksystems sind, ob Theorie wurde, die genau das in sich barg - diese Frage deutet Walter Janka nicht einmal an. Er gibt - in diesem Buch - oft patzige Antworten und führt vor Funktionären freche Reden im Munde. Aber er tut, was ihn geheißen wird; Ende 1951 weist das Politbüro der SED den Aufbau Verlag an, die soeben gedruckte zweite Auflage von Alfred Kantorowicz "Spanischem Tagebuch" nicht auszuliefern. Die Weisung wird befolgt. Der Leiter des Verlages war Walter Janka. An keiner Stelle seines Buches denkt er in Konsequenzen ob es nicht exakt dieselbe Mechanik war, die Herrschaftsgeste derselben Ideologie, mit der der vollkommen Filmunerfahrene von der Partei zum Chef der Defa gemacht wird, die, mit der er 1956 verhaftet und eingesperrt wird (daß es wieder Mielke ist, der ihm, wie schon in Spanien, gegenübersitzt, treibt die Unheilsdialektik zur Bühnenreife). Die Summe seiner Überlegungen zieht Janka im ersten Absatz des Vorworts, datiert 1989: "Der Bericht über mein Leben wurde vor fünfzehn Jahren geschrieben. An eine Veröffentlichung war nicht gedacht. Denn zur Destabilisierung der DDR wollte ich nicht beitragen. Meine Absicht war die Veränderung der Verhältnisse: Die DDR habe ich trotz meiner Kritik an diesem Staat und der Erfahrungen, die ich mit ihm gemacht hatte, als Alternative zur kapitalistischen Bundesrepublik für unverzichtbar gehalten. Ein DDR Verlag hätte für ein solches Buch ohnehin keine Druckgenehmigung bekommen. Und wären meine Erinnerungen nur im Westen erschienen, hätte man mich als Dissidenten bezeichnet. Aber genau das wollte ich nicht sein. Zu keiner Zeit " Doch was ist so schlimm an einem Dissidenten? Sind Manes Sperber oder Andrej Sacharow unehrenhafte Leute? War ein Uwe Johnson Dissident, gar "Anti Marxist"? Der Riß in diesem Denken geht mitten durch den zitierten Absatz: Eine DDR, die das eigene Buch nicht gedruckt hätte, ist ihm gleichwohl unverzichtbar.

Um dieses höchst seltsame, selbstauferlegte Konsequenzverbot noch schärfer zu verdeutlichen, ein letztes Mal zurück nach Spanien. Da Janka ein honoriger Mann ist, steht er nicht an, eigenes Versagen zuzugeben - wenn er etwa im französischen Internierungslager einen Komintern Beschluß exekutiert, mit dem er seine Kameraden in den Tod schickt: "Auch ich mußte der Pflicht nachkommen, Kameraden zur Heimkehr zu bewegen. Obwohl ich wie alle anderen wußte, daß jede Rückkehr in deutsche Konzentrationslager führen würde. Schlimmer noch. Manche würden vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden. Ähnlich wie bei Gandesa, wo ich nicht verhindert hatte, daß mein Bataillon in den Tod geschickt wurde, belastete mich auch diesmal die Mitverantwortung für die Durchführung dieses grundfalschen Beschlusses Ein paar Leidensgefährten in Le Vernet oder ein ganzes Bataillon: Walter Janka quält sich zwar; aber "grundfalsche Beschlüsse" wird er auch später noch ausführen, kopfschüttelnd, spottend und murrend zwar. Doch nach der grundfalschen Beschlüsse erwachsen, fragt er nicht.

Es geht hier nicht um moralische Vorhaltungen - es geht vielmehr um ein philosophisches Problem; wenn nicht gar ein theologisches. Diese Idee des "eigentlich wahren Sozialismus", der Walter Janka - mit vielen DDR Intellektuellen noch immer nachhängt, ist ja in Wahrheit eine säkularisierte Theologie: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apostelgeschichte 5 29). Ins Säkulare übersetzt heißt das Gott = Partei, Menschen = Funktionäre; letzte - wie Priester - können irren, verraten, Unrecht begehen. Der wahre, humane Sozialismus (und seine Partei) tut es nicht. Deswegen hadert ein Walter Janka mit tausend miesen Typen. Mit der Sache hadert er nicht. So endet sein Spanien Kapitel damit, daß er "ein bißchen an den Legenden kratzen will", die sich um einige prominente SED Führer rank(t)en und der Wahrheit nicht entsprechen. Der Schrein bleibt unberührt. Wobei zweierlei verräterisch ist: Keineswegs ist dieses Buch durchweg "vor fünfzehn Jahren geschrieben", es ziehen sich vielmehr Erkenntnisse aus den Endmonaten der DDR durch viele von Jankas Überlegungen; und das ist das zweite: Für das Ende der DDR hält er jenen Terminus bereit, gegen dessen Gebrauch für das Datum 1945 sich unsereins stets gewehrt hat, weil er Bedauern mitformuliert: "Zusammenbruch". "Meine Erinnerungen an Spanien sind Schilderungen von Erlebnissen und Betrachtungen, die nicht mit historischer Aufarbeitung verwechselt werden dürfen. Eine solche steht noch aus, weil die Historiker der DDR weder dazu ermuntert wurden, noch die Tabus brechen konnten, die bis in die Tage des Zusammenbruchs (Oktober 1989) nicht angerührt werden durften. Subjektive Erinnerungen können kein Ersatz dafür sein "

Damit - und mit dem zustimmenden Hinweis auf Enzensbergers 1972 erschienenes Buch "Der kurze Sommer der Anarchie" - verabschiedet Janka die Möglichkeit historischer Bewertung. Dieses Verfahren frappiert, da es sich eben nicht um ein genau datiertes Tagebuch handelt; dessen Autor könnte gleichsam "über den Rand der Ereignisse" nicht hinausschauen, die er erlebt und berichtet - er müßte oder könnte nicht wissen, was zugleich "im Nachbardorf" geschah. Alfred Kantorowicz hat das einmal einleuchtend erklärt: "Er will das nicht gewußt haben, hat einer der Berufshetzer einmal über eine bezügliche Stelle in meinem Deutschen Tagebuch geschrieben. Nein, allerdings, wenn man zur fraglichen Zeit, rund sechshundert Kilometer von Barcelona entfernt, abgeschieden an der Südfront Dienst hat, so konnte man nicht wissen, daß Tausende von Menschen unschuldig in Lagern und Gefängnissen Barcelonas und Albacetes malträtiert oder sogar ermordet wurden Aber Jankas Buch ist Jahrzehnte später geschrieben, referiert ständig Kenntnis- und Bewußtseinsstand bis zumindest 1989. Da wird das benutzte Verfahren fragwürdig - es erlaubt, mit einem Nebensatz "Terrorakte während des Krieges in Spanien" zu erwähnen oder die politische Debatte über ein Buch von Heinrich Mann, als Janka Chef des mexikanischen Exil Verlages El Libro Libre war, ohne zu erwähnen, was so heikel anstößig an dem Buch war: "Lidice von Heinrich Mann war das problematischste Buch in unserem Verlag. Unter unseren Lektoren kam es zu heftigen Kritiken. Renn beispielsweise meinte, daß dieses Manuskript überhaupt nicht veröffentlicht werden dürfe. Merker bat Heinrich Mann um Korrekturen, die dieser nur zum Teil vornahm und die auch am Gehalt des Romans nichts ändern "

Es gibt eine Anekdote über Bertolt Brecht, die seiner dialektisch bösartig listenreichen Denkweise huldigt "Um so schlimmer für die Angeklagten", soll er gesagt haben, als ihm jemand die Unschuld der in den Moskauer Prozessen angeklagten sowjetischen Politiker, Militärs und Intellektuellen beteuerte. Will sagen: schlimm, daß sie nicht einer Verschwörung gegen Stalin "schuldig" waren. An diese Anekdote mußte ich denken, als ich (teilweise zum zweiten Mal) die Kapitel über Walter Jankas DDR Karriere, seine Verhaftung und die qualvollen Jahre der Haft las. In einen simplen Satz zusammengefaßt, lautet sein Plädoyer, unschuldig zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden zu sein: "Ich habe nichts gegen die DDR getan". Man möchte, so verquer sich das anhört, bei all diesen Beteuerungen dazwischenrufen: "Hätte er doch!" Was um alles in der Welt war denn so erhaltenswert an einem Staat, der in Jankas eigener Schilderung übel genug aussieht; ob die miesen kleinen Privilegien der Bonzenfrauen, die er eindringlich schildert, oder die große Kriminalität, nämlich die Ermordung politisch Andersdenkender.