Von Fredy Gsteiger

Vollmundig tönt Jassir Arafat immer. Auch jetzt, nachdem der PLO-Vorsitzende seine Organisation ins Abseits manövriert hat, hängt er seine Worte nicht tiefer: „Der Tag wird kommen, an dem Saddam Hussein und ich Schulter an Schulter in der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem beten werden“, sagte er während des Golfkrieges im jordanischen Fernsehen. So bald werden die Israelis gerade diese beiden dahin nicht lassen.

Arafat, dem Stehaufmännchen unter den Berufsrevolutionären, dem ewig Überlebenden, bläst der Wind derzeit ins Gesicht. Nicht mit ihm, sondern mit dem lokalen Ostjerusalemer Palästinenserführer Feisal Husseini saß vorige Woche James Baker demonstrativ auf dem Sofa. Am Wochenende wird der amerikanische Außenminister zu seinem dritten Besuch in den Nahen Osten binnen wenig mehr als einem Monat aufbrechen. Und auch diesmal wird die PLO-Führung unter ihrem seit dem Überfall auf Kuwait glücklos agierenden Vorsitzenden außen vor bleiben. Ihre Verlautbarungen sind nur noch Nebengeräusche zu einer Musik, die ohne sie spielt.

Für Israel bleibt Arafat ein Terrorist. Für die Amerikaner ist er seit dem Abbruch der Gespräche mit der PLO in Tunis im vorigen Sommer Persona non grata. Die meisten Europäer haben ihn fallengelassen. Was den selbsternannten „Mister Palästina“, dem auf arabischen Gipfelkonferenzen der Titel eines Präsidenten zustand, aber am meisten schmerzen muß: Selbst die „arabischen Brüder“ wenden sich von ihm ab.

Im Libanon ist er gefürchtet. In Jordanien achtet König Hussein auf Distanz, wohl wissend, daß er im Golfkrieg wie Arafat aufs falsche Pferd gesetzt hatte. Syriens Hafis el-Assad haßt Arafat zutiefst und läßt seine Diplomaten schon mal spotten: „Mit dem kann man doch nicht mehr Kaffee trinken.“ Ägyptens Hosni Mubarak bemüht sich nicht einmal, seine Verachtung für „all diese Abus“ von der PLO-Spitzengarnitur zu verhehlen. Sein Außenminister Esmat Abdel Meguid machte am Wochenende deutlich, das Nilland werde keineswegs auf der PLO als Verhandlungspartner in der Palästinenserfrage beharren. Pikanterweise sprach nur sein europäischer Besucher, der schwedische Außenminister Sten Andersson, für Arafat: Für Schweden bleibe dessen Befreiungsbewegung die einzig legitime palästinensische Interessenvertretung.

Diese Rolle versuchen die Araber nach Kräften zu mindern. Eine saudische Zeitung spricht von „über zwölf arabischen Staaten“, die „verschiedene palästinensische Notabeln“ unterstützen, um eine Gegenkraft zu Arafat zu schaffen. In den Medien der Golfstaaten wird der PLO-Chef seit seiner Parteinahme für Saddam übel beschimpft: Als „trauriger Clown, der wie eine fette Maus von Falle zu Falle tappt“, als „Kreatur der Liaison seiner Mutter mit einem Skorpion“. „Neben ihm erschiene Machiavelli als aufrechter, menschlicher Politiker“, meint ein saudischer Diplomat. Die fetten Pfründen der PLO schrumpfen; die Kuwaiter, die Saudis und die übrigen Golfanrainer drehten vergangene Woche der PLO endgültig den Geldhahn zu.

Auf manchen arabischen Flughäfen darf Arafats Privatjet nicht mehr landen. Das muß den stets auf protokollarische Ehrerbietung Bedachten tief kränken. Gedemütigt und verhöhnt von Freund und Feind: Der 61jährige, der bürgerlich Rahman Abdel Rauf Arafat el-Kudwa el-Husseini heißt, steckt in einer Klemme, in die er sich selbst gebracht hat. Er hat sein Prinzip, nie alle Eier in einen Korb zu legen, im Falle Saddams mißachtet. Entsprechend höhnisch kommentieren Kritiker seine Lage: Nach 22 Jahren an der PLO-Spitze habe er nun seinen Untergang selbst eingeleitet. „Bye-bye, Jassir Arafat!“ frohlocken manche Artikel. Der Grabgesang ist angestimmt.