Von Matthias Naß

New York, im April

Welch ein elender Frieden: Im Schnee und Schlamm der nordirakischen Berge hungerten, froren und starben die Kurden, die vor den Granaten und Napalmbomben Saddam Husseins geflohen waren. Bei den eben noch laut jubelnden Siegern des Golfkrieges machte sich beklommenes Schweigen breit. George Bush ging fischen. Niemals habe er den kurdischen Aufständischen amerikanische Unterstützung versprochen, kommentierte er kühl die Bilder vom Elend an der türkischen Grenze.

Der britische Premier John Major begriff schneller als der amerikanische Präsident, daß die Kriegsalliierten vor der Verantwortung für die ungewollten und unvorhergesehenen Folgen der Befreiung Kuwaits nicht fliehen konnten, daß die „Flutwelle der Empörung“ über das Leiden der Flüchtlinge sie zum Handeln zwang. „Wir können nicht nur die Wunden des kurdischen Volkes verbinden“, erklärte Major auf dem EG-Sondergipfel in Luxemburg am Montag vergangener Woche. „Wir müssen verhindern, daß Saddam Hussein noch mehr Blut vergießt.“ Dann präsentierte er der überraschten Runde der Staats- und Regierungschefs einen ebenso einfachen wie exklusiven Zwei-Stufen-Plan: Zunächst sollte für die Flüchtlinge auf irakischem Boden eine „Enklave“ unter dem Schutz der Vereinten Nationen geschaffen werden; aus den dort für eine begrenzte Zeit einzurichtenden Lagern sollten sie später in ihre Dörfer und Städte im Irak zurückkehren, aus denen sie Saddams Truppen vertrieben haben.

In Luxemburg fand Majors Vorschlag einhelligen Beifall. In New York dagegen löste der Plan Erstaunen und auch Erschrecken aus. Denn der britische Vorstoß schien eines der heiligsten Prinzipien der Vereinten Nationen, die Unantastbarkeit der Grenzen und die Souveränität der Staaten – für die die Rechtsgemeinschaft am Golf gerade so entschlossen eingetreten war –, plötzlich zur Disposition zu stellen. UN-Generalsekretär Perez de Cuéllar meldete mit bekümmerter Miene Bedenken an: „Ich weiß nicht, ob wir dem Irak eine Sonderzone aufzwingen können. Das wäre kompliziert.“ Bagdads Botschafter Abdul Karim El Anbari war außer sich: „Eine wilde Idee!“

Anders als Londons EG-Partner zeigten sich die Amerikaner zugeknöpft. Für sie stand außer Zweifel, daß Sowjets und Chinesen eine von den Briten im Sicherheitsrat eingebrachte Resolution mit ihrem Veto verhindern würden. Weder Moskau noch Peking würden einen Präzedenzfall dulden, hieß es in Washington, auf den sich dann die Georgier oder die Tibeter berufen könnten. Im übrigen habe man mit der Ankündigung, alle irakischen Flugzeuge und Hubschrauber nördlich des 36. Breitengrades abzuschießen, bereits de facto eine Schutzzone errichtet. Doch so schnell gaben die Briten nicht auf. John Major sandte Botschaften an Michail Gorbatschow und den chinesischen Ministerpräsidenten Li Peng. Am Freitag voriger Woche trafen sich die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates erstmals zu informellen Konsultationen über die Initiative Londons.

Inzwischen allerdings hat John Major in einem Fernsehinterview eingeräumt, daß er mit seiner Idee einer Schutzzone scheitern könnte. Doch er fügte hinzu: „Mag sein, daß ich danach dumm aus der Wäsche schauen werde. Aber ich sage Ihnen: Lieber habe ich es versucht und sehe dumm dabei aus, als daß ich keinen Lösungsvorschlag mache.“