Von Peter Siebenmorgen

Helmut Kohl legte die Stirn in Falten und hob zu bedächtigen Worten vor historischer Kulisse an: „Für mich ist das eine der glücklichsten Stunden meines Lebens.“ So oft habe er sich gefragt: „Werden wir es erleben?“ Nun aber, am 22. Dezember 1989, sei das Brandenburger Tor endlich wieder offen. Was Kohl jedoch verschwieg: Er selbst war es gewesen, der wochenlang mit einer handfesten politischen Erpressung der DDR die Öffnung des Brandenburger Tores verhindert hatte – aus kleinkarierten, parteitaktischen Motiven.

Schon seit Wochen geisterten Gerüchte und Spekulationen durch alle Welt, die Öffnung des Berliner Wahrzeichens stehe unmittelbar bevor. Am 9. November 1989 war zwar die Mauer gefallen; die Menschen im geteilten Deutschland konnten sich wieder begegnen. Der Wunsch aber, das Symbol der Teilung zum Zeichen des Freiheits- und Einheitswillens der Deutschen umzuwandeln, blieb unerfüllt. Jahre zuvor hatte Richard von Weizsäcker auf dem Düsseldorfer Kirchentag ausgerufen: „Die deutsche Frage bleibt so lange offen, wie das Brandenburger Tor geschlossen ist.“ Die „Öffnung des Tores“, so meinte die Frankfurter Rundschau am Tage danach, „ist selbst zu einem Symbol dafür geworden, daß das Zeitalter der Abgrenzungen zu Ende geht. Keine andere Grenzöffnung in Berlin und an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten scheint den Menschen dieses Gefühl der Zeitwende in ähnlichem Maß vermittelt zu haben.“

Eigentlich sollte das Brandenburger Tor schon wenige Tage nach dem Fall der Mauer geöffnet werden. Hans Modrow, der designierte neue Ministerpräsident der DDR, meinte zwar noch am 14. November 1989 in einem Interview mit der Bild- Zeitung: „Zur Zeit ist es dafür noch zu früh.“ Doch für Egon Krenz, der diesem symbolischen Akt keine überragende Bedeutung zumaß, war das Ganze eigentlich schon beschlossene Sache. Vorsorglich hatte er sich bereits bei den Sowjets rückversichert. Von deren Seite kamen keine Einwände.

Am 15. November 1989, kurz nachdem Moskau grünes Licht signalisiert hatte, sickerten in Ost-Berlin die ersten Informationen durch: Die Öffnung des Brandenburger Tores stehe unmittelbar bevor; als Termin wurde der folgende Tag genannt. In Windeseile verbreitete sich die gute Nachricht. Ungezählte Kamerateams bauten sich in kürzester Zeit vor der Symbolstätte der deutschen Nachkriegsgeschichte auf und warteten gebannt auf die historischen Dinge, die sich da bald vollziehen sollten.

Unterdessen tagte im Bonner Bundeskanzleramt eine hochkarätige deutsch-deutsche Expertenrunde, die von Schalck und Seiters geleitet wurde. Wie Schalck später schriftlich an Krenz berichtete, „gestalteten sich die Verhandlungen außerordentlich kompliziert“. Formell ging es zwar lediglich um den innerdeutschen Reiseverkehr, dessen Finanzierung, die weitere wirtschaftliche Kooperation, das Post- und Fernmeldewesen und andere Fragen. Tatsächlich aber übte Bonn erheblichen politischen Druck aus: „Eine primäre Rolle in den Gesprächen spielten Grundfragen der weiteren Gestaltung des politischen Systems.“ Im Verlauf der Verhandlungen wurde deutlich, „daß offensichtlich auch in der Bundesregierung und Regierungskoalition unterschiedliche Standpunkte zur weiteren Zusammenarbeit mit der DDR bestehen und starke Kräfte dafür plädieren, keine direkten Mittel zur Reisefinanzierung der DDR zur Verfügung zu stellen“.

Die DDR befand sich gegenüber der Bundesrepublik in einer schwachen Verhandlungsposition. Einerseits stieg der innenpolitische Druck auf das Regime. Doch selbst in jenen Punkten, wo die DDR-Führung bereits Abschied von Positionen der Vergangenheit genommen hatte, stellten sich Abwicklungsschwierigkeiten ein; zum Beispiel beim innerdeutschen Reiseverkehr, der zu erheblichen Devisenbelastungen bei ohnehin knapper Kasse führte. Der neue Kurs konnte nur mit finanzieller Unterstützung aus Bonn eingeschlagen werden.