Von Benjamin Henrichs

Der König betritt die Bühne zum Königsdrama – gleich wird er etwas Königliches sagen. Doch der König sagt bloß „Merdre“ (Scheiße oder Schreiße). Und hiermit beginnt einer der gewaltigsten Theaterskandale der Theatergeschichte: die Uraufführung von Alfred Jarrys Königsdrama-Travestie „Ubu Roi“. Das Stück wird sogleich nach der Premiere abgesetzt, der einzige Kritiker, der es zu loben wagt (Ehre seiner Asche!), flugs hinausgeworfen. Das ist nun beinahe einhundert Jahre her – doch es erfreut die Nachgeborenen noch immer.

Vor fast auf den Tag genau zwanzig Jahren (am 3. April 1971) begann in München der Ruhm eines bayerischen Stückeschreibers – mit einem gewaltigen Skandal. Rechtsradikale Schreier vor dem Theater, Stinkbomben im Theater; am Ende der Vorstellung mußte das Publikum auf Schleichwegen in Sicherheit gebracht werden. Im Werkraumtheater der Kammerspiele erlebte man die trotz aller Tumulte triumphale Uraufführung zweier Einakter des damals fünfundzwanzigjährigen Franz Xaver Kroetz: „Hartnäckig“ und „Heimarbeit“. Natürlich mußte, damit es zum Skandal kam, mehr geschehen, als daß ein fetter König „Scheiße“ sagt. Das damals auf einer Bühne fast noch Unvorstellbare war zu sehen: ein Abtreibungsversuch mit einer Stricknadel. Die langsame Ermordung eines Kindes. Der einsame Liebesakt eines Mannes am eigenen Leibe. Das eigentlich Skandalöse aber war wohl die unbegreifliche, furchtlose Liebe, mit der Kroetz mitten hineinschaute ins grausigste Leben.

Heute, im April 1991, bleiben die Skandale aus. Dabei werden jetzt Stücke gespielt, neben deren Greueln der Kroetz vor zwanzig und erst recht der Jarry vor hundert Jahren wie Märchenerzähler aussehen. Eines dieser Stücke ist von Kroetz selber – es heißt „Bauerntheater“ und wurde von den Städtischen Bühnen Köln zur Uraufführung gebracht. Viel Beifall, fast kein Protest. Zwei dieser Stücke sind von dem ehemaligen Matrosen und Schauspieler Reiner Groß Jahrgang 1957): „Nacht“ und „Nördliche Stadt“. Die sehr hoch besetzte, sehr kunstreich inszenierte Uraufführung im Berliner Schiller-Theater löste freundliche Verwunderung aus, Kopfschütteln, aber fast keine Wut.

Nichts, so scheint es, kann die gute Laune (oder Gleichgültigkeit) des Theaterpublikums derzeit erschüttern. Nicht die Massenmorde, der bunte Unflat und die keuchende Obzönität in den Kurzdramen von Reiner Groß. Nicht die detaillierte Schilderung des Altmännerelends in den „Wichskabinen“ der Pornokinos. Nicht die kreischenden Auftritte eines gräßlichen Dichters und seiner noch gräßlicheren Dichtermami im „Bauerntheater“ von Kroetz. Nicht einmal das Martyrium eines Bettnässers oder die Qualen des Analverkehrs (bei deren Erörterung Kroetz eine wahrhaft trostlose, beamtenhafte Gründlichkeit entfesselt) erwecken irgendeinen Schrecken.

Drei wilde neue Stücke, die wildesten seit langem. Und doch drei gewaltige Schläge ins Leere, mitten in die heiße Luft. Ist das Publikum stumpf geworden oder steinherzig? Oder sind alle Greuel auf der Bühne (gemessen am wirklichen Schrecken des wirklichen Lebens und Sterbens) doch nur gruselige Lustbarkeiten – auf die das Publikum ganz richtig, wie bei einer Geisterbahnfahrt, reagiert?

Oder spielen unseren beiden wilden Dichter nur den wilden, bösen Mann? Betreten sie das Staatstheater wie entschlossene Killer – und sind dann doch nur Aufschneider, herzensgute Schreihälse?