Von Andreas Kuhlmann

Politische Theoretiker, für die sich die Demokratie nicht in einem begrenzten institutionellen Arrangement politischer Willens- und Entscheidungsfindung erschöpft, haben die Umbrüche in Osteuropa als Ermutigung begriffen: Die polnischen „Bürgerkomitees“, die ungarischen „Freien Demokraten“ und das tschechoslowakische „Bürgerforum“ erschienen ihnen als Vorbilder für politische Organisationen, die innere Demokratie mit der Offenheit gegenüber den sozialen Bewegungen der Arbeiter, Studenten und Umweltschützer verbanden. Von diesen Organisationen und Bewegungen erhoffte man die Realisierung einer emphatischen Vorstellung von Demokratie, die die spontane, nicht bürokratisierte und nicht professionalisierte politische Teilhabe breiter gesellschaftlicher Kräfte einschließt. Die – freilich schwächer gewordene – Hoffnung westlicher Linker richtet sich darauf, daß diese bürgernahen Belegungen auch weiterhin Einfluß auf die Entwicklung ihrer Staaten nehmen werden und zudem einen Anstoß zur weiteren Demokratisierung westlicher Gesellschaften geben könnten.

Der französische Romancier und Essayist Pascal Bruckner dagegen stellt fest, daß die westlichen Gesellschaften durch den weltweiten Siegeszug demokratischer Prinzipien in eine tiefe Depression gestürzt würden; nicht stimulierend, sondern paralysierend wirke sich das Ende der Konfrontation zwischen totalitären und demokratischen Gesellschaften aus. Ebenso führe das Ende der innenpolitischen Auseinandersetzung zwischen liberalen und sozialistischen Gesellschaftsmodellen, ihre Versöhnung unter dem Dach des weithin akzeptierten Wohlfahrtsstaats, zur Drosselung politischer Energien.

Am trifftigsten ist Bruckners Bemerkung, daß die Etablierung demokratischer Regime in Osteuropa und in Teilen der Dritten Welt weniger ein Zeichen von „Freiheitsenthusiasmus“ als von „Erschöpfung“ ist. Die Demokratie drängt sich nach der Desavouierung inhumaner politischer Phantasmen auf. Ihr Triumph aber wirkt schal, da er auf einem Berg von Opfern zelebriert wird. „Nicht mit erhobenem Kopf, nein, bußfertig nimmt die Demokratie ihren Platz wieder bei uns ein, in schmerzlichem Wissen um frühere Verbrechen.“

Eher als Karikatur denn als treffende Charakteristik der Demokratie wirkt jedoch Bruckners Auffassung, ihre Vitalität sei von der Konfrontation mit einem Gegner abhängig, der ihr jetzt abhanden gekommen sei. Nur der Clinch mit dem politisch Bösen könne die Demokraten im Glauben an sich selbst bestärken und zum Einsatz für ihr durch den Feind gefährdetes Gemeinwesen animieren. Ja, Bruckner meint gar, die Systemkonfrontation habe die Lernfähigkeit westlicher Gesellschaften gefördert: Die gegnerische Kritik habe sie zu Reformen herausgefordert.

Um so trister ist das Bild, das sich nach dem Ende der Systemkonfrontation darbietet: Die demokratischen Gesellschaften verfallen in Lethargie, in tiefe „Melancholie“, da der Stachel fehlt, der sie provozieren könnte. Die Gesellschaften versinken in privatistischem Konsumrausch, und das politische Establishment erstarrt in sterilen, kompromißlerischen Arrangements der einstigen Kontrahenten.

Bruckners Essay erschöpft sich weitgehend in faden kulturkritischen Tiraden: über die Tendenz liberaler Skepsis, die engagierte Zustimmung zu demokratischen Prinzipien zu untergraben, oder über die Neigung saturierter demokratischer Gesellschaften, sich von öffentlichen Angelegenheiten abzuwenden und sich auf individuelle Bereicherung zu kaprizieren. Diesem wortreichen Lamento gegenüber fällt der Appell an den – wie Tocqueville oder Hannah Arendt es genannt hätten – öffentlichen Gebrauch der Freiheit auffallend flau aus. Denn Bruckner hat sich mit seiner verzerrten Kennzeichnung demokratischer Tugenden selbst des Mittels begeben zu zeigen, woran sich denn politisches Engagement entzünden kann und immer wieder entzündet hat. Es war gerade nicht die Fixierung auf den Systemgegner, der den westlichen Gesellschaften einen Zuwachs an politischer Teilhabe und an Reformen eintrug; die Systemkonfrontation hat diese Entwicklungen eher blockiert. Es waren die innergesellschaftlichen Krisen, die ehemals politikabstinente Bevölkerungsschichten aufscheuchten und immerhin Korrekturen gesellschaftspolitischer Weichenstellungen erzwangen. Wenn man den Blick für die Krisensymptome der „Risikogesellschaft“, deren es nicht mangelt, nicht verschließt, so gibt es keinen Grund, „demokratischer Melancholie“ zu erliegen.