Der Sieg der Kommunisten hat das Land in zwei Lager gespalten

Von Helga Hirsch

In Rramanat, eine halbe Autostunde westlich von Tirana, herrscht die Stille eines warmen Frühlingssonntags. Auf den Feldern ruht die Arbeit, ein junges Paar feiert Hochzeit. Vor dem Eingangstor eines der hoch ummauerten Anwesen tauschen Bäuerinnen, das Strickzeug in der Hand, letzte dörfliche Neuigkeiten aus.

Der Ort scheint dem eigenen trägen Rhythmus der Zeit zu folgen, unberührt von Spannungen wie in Tirana, Shkodra oder Kores, abgeschnitten von den Umwälzungen, die sich während der letzten Monate in den albanischen Zentren ereigneten. Doch dann strömen die Bauern auf dem kleinen Platz in der Dorfmitte zusammen, um über Politik zu reden. Das war ihnen wie den Städtern mehr als 45 Jahre lang bei Strafe untersagt. Die politische Diskussion ist inzwischen zur Hauptbeschäftigung der Albaner geworden.

Warum fast drei Viertel der Wahlberechtigten in ihrem Ort für die Kommunisten gestimmt haben? Für die Bauern von Rramanat liegt die Antwort auf der Hand. Jede Familie erhielt vor acht Monaten 2000 Quadratmeter Land und entweder die Kühe zurück, die ihr die Kooperative einst zwangsweise weggenommen hatte, oder aber ersatzweise Ziegen oder Schafe. Von der kommunistischen Partei der Arbeit haben sie also in jüngster Zeit Gutes erfahren, während die Demokraten sie mit ihrer Radikalität nur erschreckt hätten. „Die wollten alles auf einen Schlag erledigen – die Kooperative auflösen und das ganze Land an die Familien verteilen. Wie aber hätten wir es ohne Traktoren und modernes Gerät bestellen sollen?“ Die Demokratische Partei hatte sie gleich in den ersten Wochen ihrer Existenz mit gewaltsamen Demonstrationen und bilderstürmerischen Aktionen vor den Kopf gestoßen. Warum mußten die Demonstranten im Februar auf das gestürzte Enver-Hoxha-Denkmal urinieren und die Statue durch halb Tirana schleifen? Warum muß überhaupt die Straße zum Ort des politischen Kampfes werden?

Da viele so denken wie die Bauern aus Rramanat und zwei Drittel der albanischen Bevölkerung auf dem Land leben, brachten es die Kommunisten bei den ersten freien Wahlen nach dem Krieg auf 168 von insgesamt 250 Parlamentssitzen. Die Demokraten errangen hingegen nur 75 und Omonia, die Organisation der griechischen Minderheit, fünf Sitze.

Seit diesem Wahlausgang ist das Land in zwei Lager gespalten. „Möge deine Kuh verrecken, mögen deine Hühner krepieren und deine Kinder sterben!“ beschimpften Einwohner aus der Hafenstadt Durres ihren Verwandten aus dem nahe gelegenen Dorf Arapaj in maßloser Enttäuschung darüber, daß die Bauern ihren Traum vom Ende der kommunistischen Herrschaft zunichte gemacht hatten. Seit den Wahlen können sich die Bauern nicht mehr in den Städten sehen lassen. Sie wurden mit Steinen von den Märkten vertrieben, ihre Stände wurden von wütenden Städtern zertreten.