Die Vereinigten Staaten kommen Michail Gorbatschow entgegen

Von Christoph Bertram

Washington, im April

Vor wenigen Wochen noch schien die Abrüstung den Geist aufzugeben; jetzt regt sie sich wieder. Die Umstände, die ihr neues Leben eingehaucht haben, sind auf den ersten Blick überraschend: Die amerikanische Ungewißheit darüber, wie lange Michail Gorbatschow noch in Moskau das Sagen haben wird, und der Ausgang des Golfkrieges.

Denn es war gerade Gorbatschows Balanceakt zwischen Reform und Restauration, der die Abrüstungsvereinbarungen zu gefährden drohte. Für den Zusammenhalt seines Imperiums brauchte der Kreml-Chef die Unterstützung der Militärs; er vergalt es ihnen, indem er ihnen erlaubte, unliebsame Abrüstungsvereinbarungen zu unterlaufen. Und der Golfkrieg hatte doch gezeigt, wie sehr es noch immer auf militärische Macht, auf modernste Waffen ankommen kann – er schien kaum geeignet, der Abrüstung neuen Schwung zu verleihen. Dennoch ist die Wirkung dieser Umstände, wenn man Washingtoner Überlegungen in diesen Tagen Glauben schenken darf, eine ganz andere.

Gerade die Sorge um Gorbatschows politisches Überleben spornt die Regierung Bush an, mit ihm festzuklopfen, was möglich ist, ehe ein Führungswechsel in Moskau oder ein Kollaps des sowjetischen Staates eintritt. Und weil nach dem gewonnenen Krieg am Golf nun die Beilegung anderer Nahostkonflikte auf der Tagesordnung steht, gelangen Pläne für regionale Abrüstung zu neuen Ehren.

George Bush sieht Gorbatschows Schwierigkeiten, aber er hat ihn als Partner noch nicht abgeschrieben. Jetzt fühlt er sich darin bestätigt durch einen Briefwechsel mit seinem Moskauer Kollegen über den konventionellen Abrüstungsvertrag VKSE. Der Vertrag, der unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert ist, legt für die Nato und den alten Warschauer Pakt eine gemeinsame Höchstzahl an Panzern, Geschützen, Schützenpanzern und Flugzeugen vom Atlantik bis zum Ural fest; das überschüssige Gerät soll verschrottet werden. Aber als westliche Experten Ende Dezember die sowjetischen Zahlenangaben überprüften, stellten sie verwundert fest, daß die sowjetischen Militärs 800 Panzer und 900 Stück anderen zur Zerstörung vorgesehenen Gerätes neu geschaffener „Küstenschutz-Verbände“ im westlichen Teil des Landes zugeschlagen hatten und sich weigerten, diese Waffen in die vereinbarten Höchstgrenzen einzubeziehen. Im Februar protestierte Bush brieflich bei Gorbatschow. Er blieb jedoch zunächst ohne Antwort. Der bedrängte Mann im Kreml, so schien es, war nicht mehr in der Lage, seine Militärs in die Schranken zu weisen.