Von Martin Sabrow

Wie die Schatten einer verdrängten Vergangenheit auch die Besinnung auf die großen Leistungen scheinbar wertfreier Naturforschung verfinstern können, mußte vor einigen Monaten die Universität Kiel erfahren: Bei ihrer 325-Jahr-Feier hat sie in dankbarer Würdigung ihrer zu Weltruhm gelangten Lehrstuhlinhaber auch den Physiker Philipp Lenard mit einer Bronzetafel im Auditorium maximum geehrt.

Vermutlich wußte man in Kiel von Lenard nicht viel mehr, als daß ihm 1905 für seine Arbeit über Kathodenstrahlen der Nobelpreis zugesprochen wurde. Was wohl weniger bekannt war: Lenard, der 1907 einem Ruf nach Heidelberg gefolgt war und dort ein physikalisches Institut aufgebaut hatte, versuchte nach 1918 seine experimentelle Physik zur „nordischen Wissenschaft“ zu stilisieren, scharf abgegrenzt gegen alle theoretische Physik, die er als „jüdischen Weltbluff“ apostrophierte. Albert Einstein, der Lenards Kritik öffentlich als zu oberflächlich empfunden hatte, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, mußte erleben, daß dieser Gelehrte die Relativitätstheorie als „scheußliche Ausgeburt asiatischen Geistes“ denunzierte.

In Philipp Lenard gingen wissenschaftliche Leistung und politischer Obskurantismus eine beunruhigende Mischung ein. Er, der als Experimentalphysiker die vorurteilslose Betrachtung zur unbedingten Forschungsgrundlage erklärt hatte und gleichzeitig sein Institut als „Keimzelle nationalsozialistischer Wissenschaft“ verstand, blieb in der gerühmten Heidelberger Professorenkultur um Max Weber, Gerhard Anschütz und Gustav Radbruch ein belächelter Außenseiter.

Doch der Außenseiter wurde mit einem Schlage zu einer Galionsfigur der Republikfeinde, als er sich nach der Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau 1922 demonstrativ weigerte, die staatlich angeordnete Arbeitsruhe am Tage der Trauerfeier zu befolgen. Diese Billigung des politischen Mordes führte zum Eklat: Angeführt von dem sozialistischen Studentenführer Carlo Mierendorff, stürmten aufgebrachte Arbeiter und Studenten das physikalische Institut, in dem Lenard ungerührt eine Übung abhielt. Die Auseinandersetzung geriet zum Tumult, als sich Lenard und seine Studenten mit einem Steinhagel und mit Löschwasser gegen die Eindringlinge wehrten, so daß die herbeigeeilte Polizei Lenard schließlich in Schutzhaft nahm.

Am Ende kam Lenard in dem vom Kultusministerium eingeleiteten Disziplinarverfahren mit einem Verweis davon, weil seine „Gelehrtennatur“ eine „milde Beurteilung“ nahelege, während Mierendorff (später gehört er der deutschen Widerstandsbewegung an) zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Seine mehrheitlich zu Lenard haltenden Kommilitonen verübelten ihm besonders, daß er „fernstehende Volkskreise“ gegen einen akademischen Dozenten aufgehetzt habe.

Die nationalsozialistischen Machthaber überhäuften nach 1933 den Mann mit Ehrungen, der einer ganzen Generation von Studenten den Weg zu ihnen hatte bahnen helfen, wenn auch Lenards Einfluß auf die Naturwissenschaft im „Dritten Reich“ bescheiden blieb.