Von Wilfried Weipart

Der Kapitän der Louisanne hatte was Napoleonisches. Ob seiner knabenhaften Statur mochte man den munteren Javanesen Vornamens Benjamin leicht für einen Schiffsmaat halten. Sein forscher, geschäftiger Gang aber und sein stets korrektes Auftreten verrieten eine Person von Rang. Stets lachte er mit hochgeworfenem Kopf den Passagieren zu, als gelte es in heikler Lage Optimismus zu zeigen, und Männer bedachte er gerne mit einem gönnerhaften Klaps auf die Schulter, auch wenn er sich dabei strecken mußte. Kapitän Benjamin Tasso war uns eine Respektperson, er wurde uns gar zum Helden.

Wir kreuzten im Indischen Ozean, im wenig bekannten Gebiet der Kleinen Sunda-Inseln von Indonesien, wo die Louisanne zweimal im Monat für jeweils eine Woche in touristisches Neuland stößt. Eine Gruppe von sieben Leuten hatte sich zum Schnorcheln auf einer Insel absetzen lassen und mußte, da der Motor des Auslegerbootes streikte, gegen starke Strömung irgendwie zurück an Bord gebracht werden. Unser Kapitän ruderte das angetaute Boot persönlich zum Ufer und nahm für die nächtliche Rückfahrt per Schlepptau, sich mit den Händen ans Boot klammernd, im knallroten Rettungsring Platz. Die abenteuerliche Aktion wurde von den Passagieren und der Besatzung freudig beklatscht, ganz ungefährlich war die Sache nicht. Am nächsten Abend verteilte Benjamin Tasso das Once-In-A-Lifetime-Robinson-Crusoe-Survival-Zertifikat an die Geretteten.

Im weltgrößten Archipel, 13 766 Inseln zählt Indonesien bei Ebbe, sind Kreuzfahrten erstaunlicherweise ein Mangelprodukt. Mit der Louisanda betritt nun ein schwimmendes Vier-Sterne-Hotel die Bühne, das dem Slogan der Tourismusbehörden, „Go Archipelagoes“, erst richtig Sinn zu geben verspricht. Die Inseltour präsentiert das Land auf bequemste Weise, gleichsam als Inselfeuerwerk. Die Louisanda ist eine komfortable Lady, mit gemütlichem Restaurant, Ruheraum, Bars und Kabinenservice. Zur Diva fehlt es ihr am letzten Luxus und ein wenig auch an Format. Sie faßt maximal 36 Passagiere. Dafür aber hat sie eine sehr einschlägige Vergangenheit. Bis zum Frühjahr ankerte das Schiff als Love-Boat vorzugsweise in Häfen vor Australiens Küste. Spiegelverkleidete Wände zieren selbst die einfacheren Kabinen, und in den feinen Honeymooner-Suiten spiegelt es gar von der Decke. Man fragt sich aber, ob die optischen Freuden Jungvermählter auf die bekanntlich ältere und nicht unbetuchte Kreuzfahrtklientel zu übertragen sind. Wie man sich bettet, so liegt man, aber ist man nicht stets auch so alt, wie man sich sieht? Die Louisanda also scheint ein Fall für Lover.

Da ist der Kapitän, und da ist eine Mannschaft von ausgesuchter Freundlichkeit. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer waren deutsche Reiseveranstalter, eine geplagte Spezies Mensch mit ausgeprägter Reiseneurose. Wie unter Zwang, Psychologen nennen es Übertragung, nehmen sie die Rolle just jener ihrer Kunden ein, die ihnen am verhaßtesten sind. „This must not be“, krittelte ein Münchner die Spaghetti Bolognese beim Abendessen, während seine Düsseldorfer Kollegin dieselben gerne „much hotter“ und „by candlelight-atmosphere“ serviert haben wollte. Und die Dame aus Starnberg wünschte Betthupferl für ihre Kunden. Das deutsche Reiserecht hat offenbar einen ganzen Berufsstand verdorben.

Bedienten die Stewards in den ersten Tagen noch freundlich von der Bordbar aus, so erschienen sie schon am dritten Tag auf dem ersten Sonnendeck und erfragten gegen Ende der Reise auch auf dem Oberdeck die Wunschdrinks. Das Leben an Bord wurde von Tag zu Tag angenehmer, ohne je unangenehm gewesen zu sein. Diesem Wohlgefühl soll das, was wir von Lombok sahen, zukünftig geopfert werden. Wir ankerten vor Senggigi, wo die humane Maßgabe, daß ein Haus nicht höher sein dürfe als eine Kokospalme, in einer touristischen Variante arg karikiert wird. Zwei große Hotelressorts mit palmenumsäumten Bungalows in Strandnähe erstreckten sich über ganze Landstriche. Eine dritte Bungalowanlage ist im Bau.