Berlin, 13. August 1990. Auf einer Anzeigentafel am Kurfürstendamm wird der Himmel über Berlin beschrieben: „Schön zeigt sich der Berliner Himmel auch heute. Die Luft allerdings macht uns das Atmen schwer. Drückende Schwüle.“ Unter den Linden halten Uniformierte Ehrenwache am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus. Journalisten, Politiker und ein Angehöriger der Armee diskutieren in einer Photogalerie über den Mauerbau am 13. August 1961. Die Arbeiter eines Elektrobetriebs arbeiten, im Fernbahnhof Lichtenberg sitzt eine Frau im Glashaus und schminkt sich. In die Rettungsstation des Krankenhauses Friedrichshain wird ein Kind eingeliefert, das gestürzt war und weint.

Achtundzwanzig Photographen und Photographien aus dem Osten und Westen der Stadt photographieren an diesem 13. August 1990 Orte und Menschen in Berlin, vertraute und fremde Orte, Namenlose und Prominente, Stadtstreicher und Flüchtlinge. Zu sehen sind äußere Spuren des Mauerbaus und Spiegelungen des nach innen gerichteten Stacheldrahts. Verlassene Bahnhöfe und Berliner Wohnzimmer rücken ins Blickfeld, der zum Spazierweg gewordene ehemalige Todesstreifen und verfallende Stätten jüdischen Lebens, Monumente aus Stein und Menschen, die auch an diesem geschichtsträchtigen Tag einfach leben wollen und zum Beispiel baden gehen an einem See am Rande der Stadt – fern der Mauer, die durchlässig wurde und sich öffnete.

Wie ein Mauerstück öffnet sich auch das aufwendig gestaltete erste Buch des im vergangenen Frühjahr gegründeten Constructiv-Verlags: „Berlin, 13. August 1990“. Nach dem Öffnen des Mauersegments ist eines der eindrucksvollsten Photobücher der letzten Zeit zu entdecken.

Die am 13. August 1990 entstandenen Aufnahmen von Photographen wie Tina Bara, Levy, Ingrid Hartmetz, Roger Melis, Helga Paris, Christian Thiel, Renate Zeun und Robert Paris ermöglichen eine ebenso subjektive wie anregende Sicht auf Menschen und Orte, öffentliche und private Räume, Geschichte und Alltag, laden ein zur Erkundungsreise, zum Aufspüren von Verbindungen zwischen den verschiedenen Realitäten und Geschichten eines Tages – angefangen bei den in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1990 in der Bernauer Straße aufgenommenen Photos von Kurt Bachfeld bis hin zu den am Ende des Buches stehenden Aufnahmen von Harf Zimmermann. Seine Nachtbilder zeigen menschenleere Orte, an denen Menschen ihre Spuren hinterließen: ein Hakenkreuz auf einem Verkehrsschild, die auf eine Wand gesprühte Aufforderung „Nie wieder Deutschland“ und die Parole „Deutschland den Deutschen“, die auf ein noch intaktes Mauerstück geschrieben wurde – düstere Impressionen von einer „Geburtstagsfeier am Sterbetag, ohne Geburtstagskind und ohne Kerzen.“

Raimund Hoghe

  • Berlin, 13. August 1990

hrsg. von Viola Sandberg und Ulrich Herold, gestaltet von Jochen Friedrich; Constructiv-Verlag, Berlin 1990; n.p., Abb., 118,– DM