Im Fernsehen: Der alte Mann hat ein kleines Kind auf dem Arm; eine Frau in zerlumpten Kleidern will es streicheln. „Es ist ja tot“, ruft sie. Der Mann hält das Kind um so fester. Ein paar Meter weiter kratzt eine Frau in der harten Erde; sie will ihre tote Mutter begraben. Ringsum Hunderte von Elendsgestalten am Boden, viele wohl am Ende ihres Weges. Zum letzten Mal habe ich solches Elend 1943, nach den Fliegerangriffen auf Hamburg, gesehen. Damals kamen in drei Tagen 40 000 Hamburger um. Diesmal werden es mehr Kurden sein. – Nach solchen Bildern ist ihr Schmerz unser Schmerz – auch wenn wir wissen: Kurden finanzieren durch Rauschgifthandel in der Bundesrepublik, voran in Hamburg, ihre Fehde mit dem Irak, dem Iran und der Türkei. Die vielen kurdischen Stämme streiten oft blutig miteinander; sie sprechen verschiedene Dialekte, verstehen einander oft nicht. Ein gemeinsames kurdisches Staatswesen läßt sich kaum vorstellen. Doch all diese Sorgen müssen zurücktreten angesichts der zwei Millionen todgeweihter Kurden auf der Flucht.

In der Hand eines Mannes, des amerikanischen Präsidenten George Bush, hätte es gelegen, das Massaker zu verhindern. Er brauchte nur seinem General Norman Schwarzkopf zu befehlen, einige Panzer und Hubschrauber ein Stück weiter im Irak vorrücken zu lassen. Sicher gab es irakische Generäle, die nur darauf warteten. Da war sogar eine Chance, Saddam Hussein loszuwerden.

Aus Bush aber sprach kein verzweifelter Staatsmann, den das Völkerrecht hindert zu tun, was ihm sein Gefühl gebietet. Er wollte ein Alibi; er wollte seinen arabischen Verbündeten beweisen, daß er nach der Niederlage Saddam Husseins keine Kriegsziele im Irak mehr hat. Diesen Beweis hat er erbracht: Zehntausende toter und mißhandelter Kurden zeugen für ihn. Er hat zugesehen, wie die Menschen umgebracht wurden, die im Krieg auf seiner Seite gestanden hatten. Das ist das Schlimmste, was man in jener Gegend der Erde tun kann. Bush wollte auch einen schnellen Sieg. Er hat ihn bekommen – zu Lasten der Kurden beim Waffenstillstand.

Bush muß schnell handeln: Sein Ansehen schwindet rapide. Das schier unmöglich Scheinende könnte eintreten: Was Bush an Ansehen verliert, gewinnt Saddam Hussein hinzu. Bushs Sieg wendet sich zur peinlichen Niederlage. Die Soldaten müssen gutmachen, was Bush mit der Waffenruhe preisgegeben hat. Offenbar hatten Bush und die Militärs die Stärke des irakischen Diktators bei Eintritt der Waffenruhe unterschätzt. Nur Hussein weiß, wie viele Panzer und Flugzeuge er noch hat.

Würde der Krieg aber da fortgesetzt, wo er abgebrochen wurde (mit der Abrede der „Waffenruhe“), so werden sich jene wieder zu Wort melden, die uns vorwerfen, der ganze Krieg mit seinen Opfern an Menschen, Ölquellen und verwüsteten Städten sei überflüssig gewesen, und die uns die Leiden der Kurden zur Last legen – sie seien ja eine Folge des von uns gewollten (unnötigen) Krieges.

Das Argument der Kriegsgegner: Richtig gewesen wäre, Kuwait zunächst preiszugeben, die Blockade aber mindestens ein Jahr fortzusetzen und zugleich Saddam Hussein durch permanente Angriffe auf Irak mit geringeren militärischen Mitteln zu stören. Das hätte, glauben sie, Hussein nicht ausgehalten. – Eine solche Taktik hätte aber vorausgesetzt, daß Hussein bereit gewesen wäre, sein Ein-Millionen-Heer (bestgerüstet) bei Fuß zu halten. Das Ausmaß der Kämpfe hätte Hussein bestimmt. Daß unsere Seite dabei ermüden würde, damit mußte man rechnen. Ein paar Niederlagen, und der Widerstand im arabischen Lager wäre zusammengebrochen – ein für allemal. Und Hussein hätte gesiegt. – Daß Hussein so leicht zu besiegen sein würde, wer hätte das geglaubt? Haben wir nicht gebangt um unseren Sieg? Wir hatten uns schließlich auf die Formel geeinigt: „Am Ende werden die Alliierten siegen“. Nicht so doll optimistisch ...

Ferner: Wenn nur die Sowjetunion oder der Iran aus der Blockade ausgeschert wären, wäre sie zu Ende und Hussein der lachende Sieger gewesen.