Von Joachim Fritz-Vannahme

Totenstille machte die Rednertribüne zur Anklagebank. Eben noch raschelte der Hochschullehrer Georges Boudarel mit dem Manuskript seines Vortrags, doch plötzlich ging es gar nicht mehr um das Vietnam von heute, sondern um das Indochina von damals, nicht um den Vortrag, sondern um die Vergangenheit des Hochschullehrers Boudarel. Aller Augen richteten sich auf einen Herrn in den hinteren Reihen des Konferenzsaals im französischen Senat: Mit drei Fragen hatte er gerade den nun verstörten Vortragsredner in eine ferne, finstere Zeit zurückgeschleudert: „Waren Sie, Monsieur Boudarel, von 1950 bis 1954 in Indochina? Sind Sie zum Vietminh übergelaufen? Haben Sie in Camp 113 gewütet?“

Damit begann „die Affäre Boudarel“. Den Pariser Wochenmagazinen liefert sie seither Titelgeschichten, den Zeitungen füllt sie die Leserbriefspalten. „Waren Sie ein Idealist oder ein Hund?“ fragte unlängst ein Radioreporter den Dozenten. Boudarel fügte leise hinzu: „... oder ein Esel“.

Das eine schließt das andere nicht aus. Der Sohn aus kleinbürgerlich-katholischem Milieu fand nach dem Zweiten Weltkrieg zur „Partei der Füsilierten“, wie sich Frankreichs Kommunisten nach den Jahren des Widerstands stolz nannten. Wie viele Idealisten glaubte auch Boudarel damals an einen neuen Menschen, an eine bessere Welt unter roten Fahnen. Im französischen Saigon trat der junge Philosophielehrer 1950 eine Stelle an, doch schon Ende des Jahres schlug er sich zum Vietminh durch und wurde einer von Ho Tschiminhs „weißen Soldaten“. Drei Jahre später war Boudarel, er hieß jetzt Dai Dong, „universelle Brüderlichkeit“, vom braven Erzieher zum gefürchteten Umerzieher geworden. Im Camp 113 nahe der chinesischen Grenze ließ er als Politkommissar und Stellvertreter des Kommandanten seine gefangenen Landsleute die Internationale singen und ein Lob auf Ho Tschi-minh anstimmen. Heute erklärt Boudarel, mit dieser Eselei seine „Logik des Engagements“ zu weit getrieben zu haben. Hätten sich Eselei oder Idealismus auf den Lobgesang beschränkt, kein Mensch würde sich heute mehr an Boudarel, „den Hund“ erinnern. Aber von den 340 Gefangenen in Camp 113 überlebten nur 62 das Jahr 1953. Boudarels Arbeitsplatz war ein Totenhaus.

„Ich bin weder ein Folterknecht noch ein Gehirnwäscher“, verteidigt sich Boudarel. Gewiß, niemand wirft dem Politkommissar vor, den Gefangenen eigenhändig Gewalt angetan zu haben. „Er demoralisierte uns auf wissenschaftliche Weise“, klagt ihn ein damaliger Gefangener des Psychoterrors an. Krankheit und Hungerrationen, Quälerei und Verzweiflung trieben die meisten der jungen Franzosen in den Tod. Als im Frühjahr 1954 einige „wohlerzogene“ Insassen gegen gefangene Vietminh ausgetauscht werden sollten – die Namen für die Liste wählte Boudarel selbst – und sich nach einwöchigem Gewaltmarsch am Vorabend der Freiheit wähnten, soll der Politkommissar einen von ihnen ins Lager zurückgeschickt haben – wegen „Verschwendung“. Dem Entkräfteten waren einige Reiskörner neben die Schüssel getropft. Zwei von drei Gefangenen krepierten elend in diesen Umerziehungslagern; von 40 000 gefangenen Franzosen kehrten insgesamt nur rund 10 000 nach dem Genfer Abkommen 1954 nach Hause zurück.

Dai Dong-Boudarel sah Frankreich erst 1967 wieder, nachdem im Jahr zuvor General de Gaulle eine Amnestie verkündet hatte. Der Vietnamkenner Boudarel, nach eigener Aussage vom Kommunisten zum Sozialdemokraten geläutert, fand an der Universität Paris-Jussieu eine Dozentenstelle und gewann rasch die Achtung seiner Kollegen. Nach seiner Vergangenheit fragte ihn niemand – bis zu jenem Tag, da Jean-Jacques Beucler, einst Staatssekretär der Veteranen in der Regierung Raymond Barres, zum Mikrophon griff und drei Fragen stellte.

„Unter den achtzig Männern, die ich auf französisches Gelände zurückführte, dürfte es einige geben, die mich in guter Erinnerung behalten“, erklärt Boudarel heute ohne jeden Zynismus. Die Berufung auf den Befehlsnotstand und ein notorisch gutes Gewissen, nicht die Spur einer Entschuldigung und kein Wort des Mitleids für die Überlebenden, die den Alptraum von Camp 113 nie mehr loswurden – das Persönlichkeitsprofil des geschätzten Dozenten kömmt uns irgendwie bekannt vor.