Von Hans Harald Bräutigam

Umsonst ist nichts, und ein risikofreies Leben gibt es nicht.“ Zu dieser trivialen Feststellung gelangt William R. Hendee, Sprecher der Arbeitsgruppe „Wissenschaft und Technik“ der Amerikanischen Ärztevereinigung (AMA), in seinem Kommentar zu zwei im Journal of The American Medical Association (20. März 1991, Band 265) veröffentlichten, sehr widersprüchlichen Berichten über die Krebssterblichkeit von Beschäftigten in der Atomindustrie und von der in Nachbarschaft von Kernkraftwerken lebenden Bevölkerung.

Die emotionale öffentliche Auseinandersetzung mit den denkbaren Gefahren der unheimlichen, weil unsichtbaren Bedrohung durch die Kernenergie erschwere auch den Fachleuten, so William R. Hendee, die vorurteilsfreie Bewertung der Risiken dieser modernen Technologie. Daß Havarien, wie die von Tschernobyl, schlimme direkte Folgen und sicher auch Spätfolgen für die in der Umgebung des Reaktors Uberlebenden haben werden, wissen wir alle. Aber wie es mit den Risiken aussieht für die Arbeiter in einem intakten Kernkraftwerk oder für die in unmittelbarer Nachbarschaft Lebenden, wissen wir so genau nicht.

Das erfahren wir jetzt von dem Epidemiologen Steve Wing von der Universität in North Carolina, der nach den Todesursachen von früheren Mitarbeitern des Nationalen Laboratoriums für Kernenergie in Oak Ridge im US-Bundesstaat Tennessee gefahndet hat. Interessant an den Ergebnissen. seiner Untersuchung ist weniger die Sterblichkeit der dort Beschäftigten. Sie unterscheidet sich nämlich kaum von der vergleichbarer weißer Amerikaner. Es sind die Ursachen für den Tod der 1524 (von 8318) Kernkraftwerken bis zum Dezember 1984, die uns aufmerksam machen müssen. Was die von Steve Wing berichteten Daten für die Einschätzung der Gefährdung durch radioaktive Strahlung so interessant und brisant macht, sind die von ihm und seinen Mitarbeitern der amerikanischen Energiebehörde gefundenen Strahlenbelastungen der Arbeiter in Oak Ridge zwischen 1943 und 1972.

Die sich über diese Jahre für die Beschäftigten kumulierende Strahlendosis war ausgesprochen gering. Bei einem Viertel der dort Beschäftigten konnte überhaupt keine mit Dosimetern nachweisbare Bestrahlung (in Rem) festgestellt werden. Knapp zehn Prozent der Arbeiter hatten eine Jahres-Dosisbelastung von 5 Rem. Die radioaktive Strahlung war über den gesamten Zeitraum sehr unterschiedlich. Kurz nach der Eröffnung des Kernlaboratoriums in Tennessee im Jahre 1943 und noch einmal im Jahre 1960 wurden Spitzenbelastungen bis zu 1,5 Rem gemessen, in den anderen Jahren überschritt die durchschnittliche Jahresmenge nie 0,1 Rem. Steve Wing berichtet also von sehr schwachen, als ungefährlich angesehenen Strahlendosen.

Bei der Analyse der Todesursachen durch den Vergleich zwischen erwarteter und in Oak Ridge beobachteter Mortalität durch Krebserkrankungen kommt Steve Wing allerdings zu erschreckenden Ergebnissen. Die Sterblichkeit an bösartigen Erkrankungen ist abhängig von Dauer und Höhe der Strahlenbelastung. Pro einem Rem verzeichnet Wing einen Sterblichkeitsanstieg von fünf Prozent. Die sogenannten soliden Geschwülste der Lunge oder der Prostata bei Kernkraftwerkern sind auch über einen Zeitraum von zwanzig Jahren nicht häufiger als bei der nicht strahlenbelasteten Bevölkerung. An Leukämien übersteigt die beobachtete mittlere Sterblichkeit (Standardisierte Mortalitätsratio SMR) die erwartete Krebsmortalität um 63 Prozent.

Zu einem völlig anderen Ergebnis kommen Seymour Jablon und seine Kollegen vom National Cancer Institute in Bethesda. Die Wissenschaftler haben 900 000 Krebstodesfälle analysiert, die landesweit in 107 Bezirken in der unmittelbaren Nähe von Atomkraftwerken zwischen 1950 und 1984 registriert wurden. Jeder dieser Regionen hat der Strahlenepidemiologe Jablon drei benachbarte Landkreise ohne Kernkraftwerke gegenübergestellt und die krebsbedingte Sterblichkeit verglichen. Todesfälle, die auf solide Krebsgeschwülste oder Leukämien zurückzuführen waren, wurden von ihnen in den 35 Jahren der Beobachtung in den Kernkraftwerksregionen nicht häufiger festgestellt als in den Kontrollkreisen.