Von Paul Moor

Wer heute an Chicago denkt – das der Schriftsteller Carl Sandburg einmal die „Stadt mit den breiten Schultern“ nannte dem fallen kaum sofort Begriffe ein wie Bescheidenheit oder Zurückhaltung. Schon ein paar Generationen nach der Stadtgründung im Jahre 1847 erinnerte die rechtskonservative Chicago Tribüne ihre Leser täglich in einem kleinen Kasten auf Seite 1 daran, daß sie The World’s Greatest Newspaper läsen. Als am 14. Oktober 1971, zwei Jahre nachdem Sir Georg Solti Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra geworden war, die Musiker von einer wirklich triumphalen Tournee – fünfzehn Städte in neun europäischen Ländern innerhalb von einundvierzig Tagen – zurückkamen, begrüßte die Stadt sie mit einer Konfetti-Parade; da schleppte ein Trecker eine riesige Plattform durch die ganze Innenstadt von Chicago, und auf beiden Seiten wurden die Symphoniker mit großen Transparenten als The World’s Greatest Orchestra ausgerufen. Seit der Zeit hat Solti übrigens sein Orchester auf zehn weitere Auslandstourneen geführt: sechs nach Europa, drei durch Asien, eine nach Australien.

In diesem Monat gibt Sir Georg Solti, der schon 1972 durch Queen Elisabeth II. auf Grund seiner zehnjährigen Tätigkeit als Musikdirektor von Londons Royal Opera House Covent Garden geadelt worden war, seine Abschlußkonzerte als Musikdirektor von Chicago in der dortigen Orchestra Hall wie in der New Yorker Carnegie Hall, um dann Position und Titel an Daniel Barenboim weiterzugeben. Henry Fogel, der Executive Vice President des Orchesters, hat Solti, der von jetzt an den Titel Ehrendirigent tragen wird, eingeladen, jedes Jahr so lange zurückzukommen, wie er will. Solti wird zunächst einen Vertrag unterzeichnen auf vier Wochen pro Jahr, und das über die Dauer von zehn Jahren, aber Fogel nennt das hoffnungsfroh „den ersten von vielen Zehnjahres-Verträgen“. Schließlich wurde ja schon zu Soltis 75. Geburtstag am 10. Oktober 1987 in Chicago eine Bronzebüste des Dirigenten in jenem Park enthüllt, der nach Abraham Lincoln benannt ist, dem berühmtesten Sohn des Bundesstaates Illinois.

Um Sir Georg’s zwei Gala-Schlußkonzerte so außergewöhnlich und denkwürdig wie möglich zu machen, zogen das Orchester wie seine Plattenfirma Decca alle Register der Public-Relations-Kunst. Die Vorbereitungen für eine konzertante Aufführung von Verdis „Otello“ (mit der Traumbesetzung Luciano Pavarotti, Kiri Te Kanawa und Leo Nucci) liefen schon vor zweieinhalb Jahren an. Für das eigentliche Schlußprogramm hatte das Orchester in Verbindung mit der Carnegie Hall einen Kompositionsauftrag vergeben an Sir Michael Tippett, einen der wenigen zeitgenössischen Komponisten, die bei Sir Georg Gnade gefunden haben. Der einzige Mißklang während der ganzen Festlichkeiten stammte ausgerechnet von Jessye Norman, für deren Stimme Tippett das Werk zwar geschrieben hatte, die aber zwei Wochen vor der Uraufführung absagte. „Byzantium“: eine Fünfundzwanzig-Minuten-Szene auf ein Gedicht von W. B. Yeats, dem Solti Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie anfügte, ein Werk übrigens, das Orchester und Dirigent schon einmal mehr als nur den üblichen Applaus einbrachte: Als Solti das Chicago Symphony Orchestra zum ersten Mal in der Carnegie Hall dirigierte, im Januar 1970, holte ihn das Publikum nicht weniger als zehnmal auf die Bühne zurück. Zu jener Zeit muß das Wort unter New Yorker Musikkennern die Runde gemacht haben, daß die Kombination Solti-Chicago die „finest Symphonie music one could find in the entire country zustande gebracht habe.

Eine Harmonie – fast könnte man sagen: eine Liebesbeziehung, wie sie zwischen dem Chicagoer Symphony Orchestra und Sir Georg Solti besteht, ist selten geworden im Musikdschungel unserer Tage. Vor einigen Jahren hatte Solti zwar einmal geäußert, kein Dirigent sollte je länger als zehn Jahre in einer Position bleiben – das war gerade die Zeitspanne, die er sowohl in Frankfurt wie in London als Opernchef wirkte. Gleichviel: Mit seinen geliebten Chicagoern blieb er zweiundzwanzig Jahre lang zusammen. Gefragt, warum, antwortete er einfach: „Weil ich dort glücklicher war als irgendwo sonst in der Welt.“

Solti verhalf dem Chicago Symphony Orchestra zu Ruf und Prestige, wie es sie so weltweit nie zuvor besessen hatte – umgekehrt brachte ihm der Erfolg mit diesem Orchester weltweit eine Reputation ein, wie sie so hoch nie zuvor gewesen war. Während dieser letzten zweiundzwanzig Jahre hat Sir Georg Solti nicht weniger als Sechsundsechzig der derzeitigen Orchestermitglieder selber in Probespielen und Gesprächen handverlesen; in einem einzigen Fall hatte er anschließend das Gefühl, den Betreffenden doch besser nicht engagiert zu haben – ein erstaunlicher Rekord. Noch immer leidet Chicago unter der Tatsache, daß, wenn jemand irgendwo in der Welt an diese Stadt denkt, ihm zunächst der Mafioso Al Capone einfällt, aber kaum Chicagos eindrucksvolle Attraktivitäten in Kunst und Wissenschaften. Verständlich, daß Chicagos Dankbarkeit gegenüber Georg Solti fast keine Grenzen kennt.

Bevor Solti nach Chicago kam, durchlief seine Karriere Tiefen wie Höhen. Zu seinen Lehrern im heimatlichen Ungarn hatten drei der führenden Musiker dieses Jahrhunderts gehört: Béla Bartók, Ernst von Dohnányi und Zoltan Kodály. Der legendäre Arturo Toscanini holte sich 1937 den fünfundzwanzigjährigen Solti als Assistenten an die Salzburger Festspiele. Solti fand Zuflucht vor den Nazis und während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz, wo er als Pianist 1942 den Ersten Preis beim Genfer Internationalen Wettbewerb gewann. Seine eigentliche internationale Karriere begann 1946, als die Kultur-Offiziellen der amerikanischen Militärregierung einen politisch „sauberen“ Dirigenten für die musikalische Leitung der Bayerischen Staatsoper suchten.