Von Gunhild Lütge

So eifrig wie derzeit haben Staatsanwälte und Journalisten wohl selten nach zweifelhaften Exporten von Waffen gefahndet. Sogar der Bundestag hat verschärfte Bestimmungen für den illegalen Rüstungsexport verabschiedet. Wer glaubt, daß derlei Initiativen tatsächlich die Gefahr verringern, auch künftig „notwendige Kriege“ führen zu müssen, um damit ein Land zwangsweise abzurüsten, das man zuvor aufgerüstet hat, wird in einem gerade erschienenen Buch von Claus Eurich eines Besseren belehrt.

Der Autor erzählt die kriegerische Geschichte der Informationstechnik und zeigt nicht nur, wie eng die doch gemeinhin als völlig unverdächtig geltende Technologie mit der Rüstung verknüpft ist. Er wagt sich auch an die Frage, woher der Antrieb zur Entwicklung von Technik und insbesondere Waffen kommt. Die Mischung aus Information und gesellschaftspolitischer Analyse geht weit über die aktuelle Diskussion zum Thema Rüstung hinaus. Das Buch läßt insbesondere die Bonner Gesetzesinitiative wie reinen Aktionismus erscheinen.

Der Professor für Journalistik an der Universität Dortmund hat die über Jahre gesammelten Informationen so aufbereitet, daß sie auch für Technik-Laien verständlich sind. Die klare Sprache hebt sich wohltuend von dem Digital-Deutsch ab, hinter dem sich Experten gerne verstecken, weil sie ihr Wissen eigentlich lieber für sich behalten wollen. Eurich beschreibt aber nicht nur, er bewertet auch, und das auf rigorose Weise. Er zerstört den weitverbreiteten Glauben an die angeblich „saubere“ Informationstechnik. Kein Waffensystem funktioniere heute mehr ohne elektronische Bauteile. Sauber erscheint deren Einsatz nur, weil High-Tech-Waffen eine Distanz zu den Opfern möglich machen.

Der Golfkrieg, der sowohl für die Elektronikbranche als auch für die Militärs eine riesige Waffenschau war, hat dem Buch eine ungewollte Aktualität verliehen. Was Eurich abstrakt beschreibt, konnte die Welt zu Jahresbeginn live erleben. Kampfjäger flogen mit tödlicher Präzision. Gigantische Mengen von Bomben und Raketen suchten und fanden computergesteuert – meistens – ihre Ziele. Die Hersteller feiern ihre makabren Erfolge. Nach langer Zeit der Beweisnot, ob die Produkte auch die vielen Milliarden wert sind, die in ihre Entwicklung gesteckt wurden, machte sich bei den Erfindern und Produzenten Erleichterung breit: Die High-Tech-Kriegsmaschine hat ihren Test in der Praxis bestanden. Der Triumph der „intelligenten“ (!) Waffen läßt ihre Hersteller – nach allen Abrüstungsdiskussionen – nun wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen.

„Die Bomben und die Piloten stehen im Vordergrund. Aber die entscheidende Waffe des Pentagon ist wohl das gigantische Kommunikations- und Computersystem“, urteilte das amerikanische Wirtschaftsmagazin Business Week schon Anfang Februar. Die Entwicklung solcher Systeme war schon immer eng mit den Wünschen der Militärs verbunden. Schließlich verschmolzen „Staat, Militär, Universitäten und Konzerne zu einer verschworenen Interessensgemeinschaft“, so Eurich. Faktenreich erzählt er die Geschichte der Nachrichtenübermittlung von Signalfeuern in der Antike bis zu den Glasfaserkabeln der modernen Industriegesellschaft. Ebenso liefert er einen Schnellkurs in Computergeschichte.

Der Leser lernt aber auch die Visionen der Wissenschaftler in den High-Tech-Labors kennen. Zum Beispiel sollen „Roboter, so träumen die Militärs, den Kampf noch weiterführen können, wenn das Gelände atomar, biologisch oder chemisch verseucht ist“. Manchmal zitiert Eurich einfach Passagen aus amtlichen oder halbamtlichen Studien, die für sich sprechen. Zum Beispiel: „Ein letzter möglicher Anwendungsbereich für Roboter mit künstlicher Intelligenz ergäbe sich schließlich bei der strategischen Warnung sowie in Zeiten während und nach einem nuklearen Angriff. In diesen Zeiten, wenn die Menschen unter einer erheblichen emotionalen Belastung stehen werden, könnte sich die Hilfe eines vorprogrammierten Robotergeräts als unschätzbar erweisen, um beispielsweise die verfassungsmäßigen Nachfolgen zu beobachten.“