Von Reiner Luyken

Pall Mall, die Straße der Gentlemen im Londoner West End. Die berühmten Clubs, „The Atheneum“, „Travellers’“, der „Reform Club“. Schräg gegenüber von „Travellers’“ fand ich die Hausnummer, die ich suchte. Ich klingelte im 4. Stock.

„Helloou“, tönte eine gezierte Stimme aus der Sprechanlage. „Sie wollen John treffen, nicht wahr? Kommen Sie herauf.“ Der Türöffner summte. Aus der Wohnung im 4. Stock drang Lachen und Stimmgewirr ins Treppenhaus. Die Tür ging auf, und die Baritonstimme flötete: „John ist noch nicht hier. Kommen Sie doch einfach herein. Wir amüsieren uns großartig.“ Der Mann mit der Baritonstimme trug eine mit einer Kordel lose zusammengebundene Baderobe über einem Kosakenhemd. Das schüttere Haar war glattanliegend nach hinten gekämmt. Er war der Gastgeber. „Ich heiße Graham. Und Sie?“

Im Wohnzimmer saßen drei Damen und vier Herren, tranken „Chia“, einen Cocktail aus Weißwein und Cassis, und warfen sich Worte wie Bälle zu. John Springs hatte sich verspätet, er war noch beim Daily Telegraph festgehalten worden, eine Karikatur für die Morgenausgabe mußte fertig werden. Ich trank „Chia“ und spürte nach zwei Gläsern die erste Wirkung. Mit John, erklärte mir einer der Gäste, sei ich als Journalist erstklassig bedient. Ich überlegte, wie er das meinte, und ließ mir ein drittes Glas vollschenken. Dann klingelte es, Graham schwebte in seiner Baderobe zur Wohnungstür, hauchte sein geziertes „Helloou“ in die Sprechanlage und flötete: „Wir amüsieren uns großartig.“ Ich kam mir fehl am Platz vor und leerte das dritte Glas.

Als Graham zurückschwebte, folgte ihm ein nervös plappernder, in seinem Redefluß immer wieder von heftigen Stotteranfällen gebeutelter junger Mann mit einer zwickerähnlichen Hornbrille auf der Nase und verwischten Schminkresten um den Mund und die Augenbrauen. Während der Stotteranfälle verharrte sein Mund in grotesker Entstellung – eine Entstellung, die er geradezu zu kultivieren schien. Sofort wurde er zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Jeder wollte wissen, was beim Telegraph anlag. Er stammelte etwas von „Maggie und Europa“, und was für eine „alte Schlampe“ sie sei, und „eigentlich sollte man Politiker überhaupt nicht zeichnen“, das seien sie gar nicht wert, man zolle ihnen viel zu viel Aufmerksamkeit, diesem elenden Pack.

Aber das Zeichnen von Politikern ist John Springs’ Geschäft. Ätzende, scharfrissige Karikaturen, in denen Furunkel, Leberflecken und geplatzte Äderchen die Gesichter entstellen, als seien sie der natürliche Ausdruck der charakterlichen Mängel und Fehlleistungen. Sie schmücken die Titelseiten des neokonservativen Wochenmagazins The Spectator und die Kommentarseiten des altkonservativen Daily Telegraph.

Die Klientel dieser Publikationen, der gehobene englische Mittelstand, liebt seine unverblümt pubertäre Gehässigkeit. Sie ist eine Rache an den Strebern und Ehrgeizlingen, unter deren Dominanz sie alle schon in den karriereorientierten Public Schools litten.