Auf den neu asphaltierten Landstraßen über die ehemalige Grenze zu rasen ist vielen Autofahrern längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Für die Anrainer der einstmals tödlichen Demarkationslinie verschmelzen hüben und drüben zusehends. Wer jedoch aus der Tiefe des westdeutschen Raumes kommt, muß immer noch staunen. Daß Stacheldraht und Todesstreifen ihre Schrecken verloren haben, bleibt ein Wunder. Auch wenn es über all den neuen Sorgen mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

Wem Reisen in das einst so ferne Land noch nicht zur Routine geworden ist, dem fallen trotz des verschärften Einigungstempos noch viele Unterschiede auf. Das beginnt schon bei den Verkehrszeichen in den neuen Bundesländern. Sie sind kleiner als gewohnt, in fahlerem Gelb gestrichen und vor allem seltener. In eine Stadt abseits der Hauptverkehrswege zu finden bereitet deshalb mitunter Probleme; aus ihr heraus das nächste Ziel anzufahren kann zum Abenteuer werden. Wie gut, daß die Menschen in Thüringen oder Sachsen noch nicht von westlicher Hektik befallen sind und ebenso engagiert wie freundlich Wegweisungen geben. Die Hilfsbereitschaft widerlegt nicht nur die Gerüchte über Verbitterung und sogar Haß gegen Touristen aus dem Westen. Sie tröstet zugleich über Rückgriffe der Polizei auf die unselige DDR-Methode hinweg, fremde Autofahrer in Verkehrsfallen tappen zu lassen, was teuer kommt.

Zaghaft wie die Stimmung hellt sich auch die Farbskala in den Städten und Dörfern auf. Noch überwiegt das triste Braun-Grau der beschwerlichen Vergangenheit. Doch neben dem Frühling sorgen auch die Stoßtrupps des Kapitalismus für Farbtupfer. Baumärkte und Gebrauchtwagenhändler lassen leuchtende Fahnen flattern, Brauereien und Zigarettenfirmen bringen mit ihrer Reklame bunte Töne ins Bild. Mehr als die grellen Verlockungen imponieren architektonische Auffrischungen in vielen Städten. Die Marktplätze von Eisenach und Weimar, über Leipzig, Naumburg und Wittenberg bis hin nach Bitterfeld beginnen, in neuem Glanz zu strahlen. Baugerüste als Symbole eines zaghaften Aufschwungs, das Zentrum als neue Visitenkarte der Städte – es regt sich was.

Der Blick hinter die Fassaden, ob renoviert oder verrottet, fällt schwerer. Bekennende Zufriedenheit läßt sich noch am ehesten in den Dörfern finden. Der jahrzehntelange Zwang zur Selbstversorgung hilft in diesen Zeiten verführerischer Warenangebote und gestiegener Preise. Vor allem gibt es auf dem Lande immer Sinnvolles zu tun. Jetzt, da an Farben und Baumaterial kein Mangel mehr herrscht, werden viele lang herbeigesehnte Verschönerungen an Haus und Hof möglich. Das hilft, zumindest eine Zeitlang, über Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit hinweg.

Den Zweck einer Beschäftigungstherapie mögen in vielen Fällen auch die berühmten Datschen erfüllen. Die Klein- und Kleinstgärten nebst Häuschen, die sich wie Ringe um die Städte legen, dienten in der Vergangenheit als Zuflucht aus der Tristesse des Alltags. Auch heute, im Zeichen von sozialer Unsicherheit und dramatischem Wandel, sind sie ein Refugium. Die Sehnsucht nach der Gartennische kann erklären, warum etwa am Samstagvormittag um elf Uhr in manchen Stadtzentren kein Geschäft mehr geöffnet ist oder warum viele Gastwirte gleich zwei Ruhetage einlegen.

Der an Geschwindigkeit gewöhnte West-Besucher fällt ob solcher Gelassenheit ins Kopfschütteln oder in Schlimmeres. Er sollte sich vor Überheblichkeit hüten. Wo viele Jahrzehnte Gängelung und Bevormundung herrschten, kann sich Initiative nicht im Zeitraffer einstellen. Geduld ist gefragt. Wer die schweren Zeiten der Ostdeutschen vergessen hat, sollte deshalb nicht über die ehemalige deutschdeutsche Grenze rasen, sondern innehalten. Beim Anblick der Todeszone wird sich Verständnis für die Menschen einstellen, die dahinter leben mußten. Dieter Buhl