Spekulationen an der Terminbörse erfordern Erfahrung und viel Kapital

Börsen-Altmeister André Kostolany ist auf Terminspekulanten nicht gut zu sprechen: Solche Geschäfte verführten zu waghalsigen Strategien, die Kurse der Aktien würden erst durch die „Spieler“ der Terminbörse „gemacht“, und überhaupt sei das Spiel um die Zukunft oftmals unseriös. In der Tat: Viele Anbieter vermeintlich lukrativer Warentermingeschäfte müssen zumindest unter die „grauen“, noch öfters aber unter die „schwarzen“ Schafe eingeordnet werden. Aber auch bei seriösen Anbietern drohen oftmals enorme Verluste durch massive Kursschwankungen. Das Geschäft blüht dennoch: Die Umsätze etwa an der Terminbörse in Chikago übersteigen die Aktienumsätze an der New Yorker Wall Street regelmäßig um ein Vielfaches. Auch in London werden mit DM-Zinsterminkontrakten höhere Beträge umgesetzt als an allen acht deutschen Anleihebörsen zusammen. Ein Wunder ist das nicht: Schon mit minimalem Kapitaleinsatz – fünf bis zehn Prozent vom Anlagebetrag genügen – können Spekulanten Millionenbeträge hin- und herschieben, selbst kleinste Kursveränderungen bei der dritten Nachkommastelle führen zu mindestens sechsstelligen Gewinnen oder auch Verlusten. Nahezu magisch werden denn auch Yuppies angelockt, die sich beim Terminhandel eine goldene Nase verdienen wollen. Solange alles nach Wunsch läuft, stehen Jaguar und Porsche vor der Luxusvilla. Beim kleinsten Zucken am Seismographen der Börsenwelt drohen jedoch Entlassung und Bettelstab für die smarten Jungs, die oftmals kaum älter als 25 Jahre sind.

Eignen sich solche Geschäfte auch für deutsche Anleger? Viele Bankberater hatten sich noch vor wenigen Jahren mit Schaudern von diesem „unbekannten Wesen“ abgewandt, und auch die Gesetzeslage hat Termingeschäfte in den vergangenen Jahrzehnten – nachdem in den zwanziger Jahren mancher vermögende Anleger zum bettelarmen Börsenzuschauer geworden war – kaum zugelassen. Bonner Politiker haben sich mittlerweile freilich – vor allem auf Druck von Kreditinstituten, die den „Finanzplatz Deutschland“ ohne Terminbörse schon verkümmern sahen – eines Besseren besonnen. So wurden die Gesetze geändert und damit der Gründung der Deutschen Terminbörse (DTB) der Weg geebnet. Mit vierzehn verschiedenen Optionen startete die DTB Anfang 1990 ins Rennen, nach einigen Verzögerungen kamen mittlerweile auch die ersten beiden echten Terminkontrakte in die Angebotspalette, mit denen Anleger wahlweise auf künftig steigende oder fallende Zinsen oder auf steigenden oder fallenden Aktienindex setzen können. Dem nicht genug: Noch in diesem Jahr sollen auch Optionen auf Terminkontrakte eingeführt werden, also Zukunftsspekulationen auf Zukunftsspekulationen.

Eines zeigt sich freilich jetzt schon: Deutsche Anleger sind besser als ihr Ruf. Während sie sonst neue Finanzprodukte im Übereifer kaufen und damit in aller Regel kräftig auf die Nase fallen, legten sie bei der DTB überraschenderweise eine vornehme Zurückhaltung an den Tag. Banken und Sparkassen machen nach wie vor rund zwei Drittel der Geschäfte unter sich aus, private Anleger werden nur selten an der DTB – die ausschließlich per Computer abläuft – gesichtet und wenn, dann allenfalls mit Erfahrungen oder cleverer Computersoftware in der Hinterhand. Und das ist auch gut so: Optionen, die morgens zehn Mark kosten, werden nicht selten mittags mit vierzig Mark gehandelt und sind am Abend nur noch fünf Mark wert, und bei Futures-Kontrakten drohen gar noch größere Risiken durch eine Nachschußverpflichtung im Falle der Schieflage. Mit einer seriösen Geldanlage hat das Spielchen nicht mehr viel zu tun, vielmehr erinnert es auffallend an die Spielhallen in Baden-Baden oder Monte Carlo.

Banken und Sparkassen – die inzwischen den Wissensstand ihrer Mitarbeiter mit Intensivschulungen auf Vordermann gebracht haben – wäre eine bessere Kundenbeteiligung freilich nur allzurecht. Denn sie verdienen immer: Während die Deutsche Terminbörse lediglich sieben Mark Pauschale je abgewickelten Kontrakt verlangt, sahnen die Kreditinstitute mit teils happigen, auf jeden Fall jedoch unübersichtlichen Gebühren ganz kräftig ab. Je Order werden pauschal oder prozentual zwischen 10 und 120 Mark Standardgebühr berechnet, daneben kostet die Aufgabe eines Limits bis zu weiteren 20 Mark. Weil aber Optionen oft selbst nur mit wenigen Mark notiert werden und damit auch ein Kontrakt – dieser umfaßt fünfzig Aktien – allenfalls einen dreistelligen Betrag wert ist, schlagen die Spesen schon mal mit satten zehn bis dreißig Prozent oder noch mehr zu Buche. Mancher Anleger mußte schon diese bittere Erfahrung machen: Wenn seine für hundert Mark gekaufte Option auf zwei Mark abgerutscht war, zehrten die Bankspesen sogar noch diesen Erinnerungswert weitgehend auf.

Und dennoch: Billiger als die meist redegewandten Telephonverkäufer von Schweinebäuchen oder Orangensaftkonzentraten – gehandelt an der Terminbörse in Chikago – sind die deutschen Institute allemal. Denn die smarten Telephonanbieter sahnen bei ihren ach so seriösen und gewinnträchtigen Warenterminangeboten oft generell dreißig bis sechzig Prozent Einstiegsspesen ab, sofern sich der Anbieter nicht gleich mit dem gesamten Geld nach Panama absetzt und damit hundert Prozent „verdient“. Dagegen nehmen sich die Spesen der deutschen Kreditinstitute allenfalls wie ein Trinkgeld aus. Zu bedauern sind sie allerdings auch nicht, verdienen die Geldhäuser doch ganz kräftig: Als market maker können sie Kurse verbindlich ins DTB-System eingeben, und wenn der Konkurrenzdruck gerade nicht allzugroß ist, winkt manches Absahn-Schnäppchen im Geschäft mit unbedarften Laien.

Seriös ist die DTB aber allemal, und die Zahl der umgesetzten Kontrakte – inzwischen bereits börsentäglich mehr als 30 000 Optionen und rund 7000 Futures-Kontrakte – spricht ebenfalls für sich. Falsch wäre es freilich, wollte man seinen letzten Spargroschen in Optionen oder gar Futures investieren. Denn während eine Aktie vielleicht einmal zehn Prozent in einem Monat fällt, kann eine Option schon in einer Stunde wertlos sein, und wer dann das eingesetzte Geld nicht als „Spielgeld“ zur Verfügung hatte, ist schnell ein armer Mann.

Wichtige Ausnahme: Wenn das Termingeschäft in seinem eigentlichen Sinn genutzt wird – nämlich als Absicherungsinstrument für bestehende Engagements –, kann es zumindest für den betuchten Anleger eine wertvolle Hilfe sein. Dazu ein Beispiel: Besitzt ein Anleger beispielsweise tausend Daimler-Aktien, die er zwar nicht verkaufen will, bei denen er jedoch angesichts der jüngsten Enthüllungen um die Zulieferungen in den Irak Kursverluste befürchtet, kann er mittels Optionen einiges machen: zum Beispiel eine Verkaufsoption kaufen. Er zahlt dafür heute 40 Mark pro Aktie und sichert sich damit das Recht, die Daimler-Papiere bis zum Juni zum Festpreis von 650 Mark zu verkaufen. Kippt der Kurs auf 550 Mark, verkauft er seine Papiere über die Option und bekommt mithin mehr, als an der Börse zu erzielen wäre, steigt der Kurs der Daimler-Aktie indes, war die Optionsprämie nur eine Art Versicherung, und er behält die Aktien. Er kann aber auch eine Kaufoption verkaufen: Dann bekommt er beispielsweise 15 Mark je Aktie dafür, daß er auf Wunsch seines Kontrahenten seine Daimler-Aktien zum Preis von 700 Mark – aktueller Kurs: 630 Mark – verkauft. Steigt die Aktie also auf 800 Mark, bekommt er mit 700 Mark plus 15 Mark Optionsprämie mehr als beim heutigen Kurs, geht das Daimler-Papier indes auf 600 Mark zurück, hat er zumindest 15 Mark bekommen und damit seinen Daimler-Einstandspreis verbilligt. Macht er das mehrfach pro Jahr, rechnet sich das Spielchen auf jeden Fall. Um ganz andere Summen geht es freilich bei den Futures-Kontrakten: Mit ein paar tausend Mark werden hier wahlweise eine fiktive Bundesanleihe oder der Deutsche Aktienindex bewegt, allerdings immerhin ein Volumen von rund 250 000 Mark. Zur Absicherung ist das Instrument zwar ebenfalls interessant, allerdings erst bei einem Depotwert in mindestens sechsstelliger Höhe. Mit kleineren Beträgen geht es dann schon wieder bei den jetzt geplanten Optionen auf Futures, doch bei dieser verzwickten Kombination kann die Anlagestrategie allenfalls heißen „Wetten, daß .. .?“ Solidus