Von Wolfgang Matz

Beim Durchsehen eines Bündels von Kritiken zur gerade erschienenen deutschen Übersetzung seines Romans „Von fernen Ländern“ notierte Julien Green 1989 in sein Tagebuch: „Ein Journalist zum Beispiel wirft mir vor, in meinem Alter einen Roman von 900 Seiten zu schreiben. Ich habe an Alice im Wunderland gedacht und an die Verse über den alten Father William: Alt seid ihr, Father William, doch ihr überschreitet die Schwelle mit einer Pirouette verkehrt herum, habt ihr einen Grund dafür?“

Zu dem, was der inzwischen neunzigjährige Dichter ironisch als Pirouette vor dem Durchschreiten des Tors bezeichnet, kam jetzt eine weitere Drehung: die mehr als 800 Seiten der „Sterne des Südens“. Ein Kunststück ist es nicht, zu erkennen, wie sehr diese Werke sich von allem unterscheiden, was Green berühmt gemacht hat. Wer lobte nicht die Knappheit und Prägnanz von „Mont-Cinere“, die eindringliche Präzision von „Adrienne Mesurat“. Die Genauigkeit und Sparsamkeit der Sprache, die Reduktion der Personen und der Handlung auf das Wesentliche machten aus diesen frühen Romanen abgezirkelte Höllenkreise der Verzweiflung, aus denen es kein Entkommen gibt.

Die Überraschung über Greens Alterswerk hätte geringer sein können, wenn die Kritik auch seine nach 1935 entstandenen Romane, Theaterstücke, Essays und Tagebücher zur Kenntnis genommen hätte. Dennoch unterscheidet sich auch von diesem umfangreichen Schaffen der Zyklus „Dixie“, so der Gesamttitel der beiden Altersromane, noch wesentlich. Aber Green mißachtet nicht nur jene Erwartungen, die von einem Autor späterhin nur noch die Wiederholung eines einmal gefundenen „Stils“ verlangen; er ignoriert genauso alles, was Ästhetiker und Literaturtheoretiker glauben von einem Roman des 20. Jahrhunderts fordern zu dürfen. Immer schon war es jedoch das Recht des großen Autors, im Spätwerk alles in Frage zu stellen, was Zeit, Geschichte und Konvention verlangen und ohne Rücksicht auf Äußerliches vorzudringen zu dem, was, noch einmal oder neu, immer wieder oder erst jetzt, als der Mittelpunkt, die Wahrheit eines Lebenswerkes sich zeigt.

Daß literarische Konventionen Green nicht mehr kümmern, ist offensichtlich. Mit den „Sternen des Südens“, so könnte man sagen, hat er sich endgültig aus der Literatur dieses Jahrhunderts herausgeschrieben. Der, den man mit ermüdender Eintönigkeit und ohne Begründung mit Kafka verglich, hat ein Epos geschaffen, bei dem eher an „Krieg und Frieden“ zu denken ist als an den Meister der kleinen Form.

Sind die „Sterne des Südens“ ein Roman des 19. Jahrhunderts? Vordergründig gewiß. Der Leser findet sich am Vorabend des Sezessionskrieges zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten in einem großbürgerlichen Haus Südkarolinas. Im Mittelpunkt steht Elizabeth, eine junge Engländerin, die noch vor der Geburt ihres Sohnes Ned, mit sechsundzwanzig Jahren, zur Witwe wurde und nun in neuer Liebe, in einer neuen Ehe das immer gefährdete Glück zu finden sucht.

Nicht diese Handlung und nicht die Form, in der sie erzählt wird, sind das Ungewohnte an Greens Roman, denn auch seine früheren Werke waren alles andere als unkonventionelle Sprachexperimente. Doch neu ist die epische Breite, in der um die Hauptperson herum eine Welt entfaltet wird, die zeitlich und geographisch weit in der Vergangenheit liegt. Wie so oft bei Green steht eine Frau im Mittelpunkt, aber unzählbar sind die Personen, die sich in weiten Kreisen um diese Mitte ordnen. Da ist der wichtigste Mensch, der kleine Ned, den die Mutter in einem wahren Exzeß besitzergreifender Liebe an sich zieht, um in ihm all das zu bewahren, was sie für immer verloren glaubt. Da sind die anderen Hausbewohner und Verwandten, die Elizabeth auf ihrem Wege liebe- und verständnisvoll begleiten und die ihre innere Einsamkeit trotzdem nicht zu durchbrechen vermögen. Und da sind endlich die zahllosen Figuren, die den gesellschaftlichen, den atmosphärischen Hintergrund der Erzählung bilden: Dienstboten, Freunde und Nachbarn, junge Männer, die die Witwe umschwärmen, und Damen, die sie auf feudalen Bällen um ihre Schönheit beneiden. Der Roman geht hinaus in die Weite, auch Nebenfiguren werden ausführlich beschrieben, ihre Geschichte entwickelt; landschaftliche Schilderungen stehen neben historischen Exkursen, und immer wieder werden die politische Situation, die Sezession und die Frage der Sklaverei genau erörtert.