Von Helmut Schödel

Der Gall-Hof ist ein düsterer Gemeindebau beim Döblinger Gürtel im 19. Bezirk, eine schmutzig-braune Wohnfestung mit schmalen Fenstern und einem torartigen Eingang. Darüber ein steinerner Heros, ein Siegfried der Vorstadt, dessen edler Körper übertrieben jungfräulich aussieht, hier draußen an der Gürtellinie Wiens. Eine traurige Mietskaserne aus den zwanziger Jahren und ein Mann aus Stein – das ist der Ausblick auf der einen Seite.

Auf der anderen macht die schwarze Stahlkonstruktion einer Stadtbahnbrücke die Welt noch farbloser. Um so greller wirkt die gelbe Leuchtschrift eines „Würstltreffs“, um den sich um halb drei Uhr morgens ein paar versprengte Nighthawks herumdrücken.

Drinnen, im Kaffeehaus zwischen Hochbahntrasse und Gall-Hof, ist es wie draußen. Wie in Horväths „Glaube, Liebe, Hoffnung“, wenn sich am Ende der Schupo über die tote Elisabeth beugt: „Ich hab kein Glück. Ich hab kein Glück.“ Halb drei ist es, und der Ober schlurft zu den letzten Gästen: „’s is scho hoiba dräi.“ Sein Ton ist sanft und wunderbar tröstend. Seelsorgerisch. Er hat die Sperrstunde sowieso um dreißig Minuten überschritten, da hilft jetzt nichts mehr: Respice finem oder Irgendeinmal macht jedes Lokal ein bisserl zu.

Vor sechzig Jahren hat hier noch der Meisterspion Kim Philby verkehrt, der ein paar Schritte von hier in einer Seitengasse der Nußdorfer Straße gewohnt haben soll. Seither ist an diesem Kaffeehaus nicht mehr viel verändert worden. Die roten Plüschbezüge sind geflickt. Die Deckenlampen sind keine Leuchter, sondern sechsarmige Funzeln. Weil inzwischen die Tür fehlt, hat man freien Blick auf das ehemals separate, noch immer neonhelle Hinterzimmer, wo früher einmal „Stoß“ gespielt wurde, ein verbotenes Glücksspiel mit einer einfachen Chance. Dicht bei dicht stehen die Tische der verschwundenen Kartler. Das alte Klavier ist abgesperrt, und unter einem Stuhl verstaubt ein Paar ausgelatschter Kellnerschuhe.

Es ist halb drei, und im Kaffeehaus sitzen die Übriggebliebenen: ein paar Strizzis, ein monologisierender Alkoholiker und ein übernächtigten Student von der Wirtschaftsuni in der Nähe. Der Ober Otto, kein Elefanten-, sondern ein Entenmensch, hatscht watschelnd zum Abräumen, den Kugelbauch voraus, und weil er seinen malträtierten, fast unbeweglichen Körper nicht mehr zu einem Diener verbiegen kann, läßt er zum „Bitte sehr, der Herr, bitte“ seinen Kopf langsam auf die Brust sinken und hört innig zu.

Und noch einmal und immer wieder: „Bitte sehr, der Herr, bitte.“ Der Ober Otto hat große Augen, riesige Tränensäcke und ist bleich wie eine menschliche Kellerassel. Er ist kein Ober von der schlagfertigen Sorte, kein Kellnerdiplomat und keiner dieser famosen Motzer aus den Wiener Ringstraßencafes, von denen man Sätze wie diese kolportiert: „I bin net die Eisenbahn. Wos woin Se? Achtel Rot? Rinnt scho!“ Otto hat zu alldem hier draußen am Gürtel gar keinen Anlaß. Die Rolle seines Lebens ist es, ein Faktotum zu sein, ein Diener für in jeder Hinsicht Bediente. Es ist halb drei, und die Welt riecht nach möblierten Zimmern, enttäuschter Liebe und Donaukanal. Draußen am Stand warten die Taxler.