Den Feind vernichten oder nicht? Was General Schwarzkopf am Golf ungestraft verlangte, führte im Koreakrieg zum Rücktritt General MacArthurs.

MacArthur ging. Der Krieg aber ist geblieben. Ein ungehorsamer General läßt sich in die Wüste schicken; ein unentschiedener Krieg nicht.

Der leichtfertige Unfehlbarkeitsglaube McArthurs hatte die Welt dicht an den Abgrund eines dritten Weltkrieges getrieben. Diese Gefahr ist jetzt verringert worden. Was hat der Westen dafür zahlen müssen? Das Volk der Vereinigten Staaten ist in entscheidender Stunde über die wichtigsten politischen Ziele uneinig geworden. Und die bisher sicherste Position Amerikas in Asien, die japanische, ist nicht mehr so sicher wie zuvor: Niemand weiß, wie die Japaner auf die Abberufung ihres ungekrönten Herrschers reagieren werden.

Andererseits hat die Opferung MacArthurs für den Westen den Weg frei gemacht zu Verhandlungen. Sein Nachfolger, Generalleutnant Ridgway, dürfte kaum auf die Idee kommen, einer Friedenserklärung der Uno durch ein eigenmächtiges Ultimatum jeden Wert zu nehmen, wie es sein Vorgänger tat. Doch heißt das nicht, daß es zu Verhandlungen kommen muß. Denn zum Verhandeln gehören immer noch zwei. Und einstweilen steht der Westen mit seiner Friedensbereitschaft allein auf koreanischer Flur.

Moskau kann sich nichts Besseres wünschen als eine Fortsetzung des koreanischen Krieges. Der Westen hat dafür gesorgt, daß dies dem Kreml noch einmal bestätigt worden ist, und zwar nachdrücklichst. „Der koreanische Krieg kann nicht durch militärische Mittel allein beendet werden“, sagte General Ridgway vor seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber. Und die beglückten Abschiedsreden auf MacArthur in London, Paris und Lake Success hatten stets den gleichen Tenor: Nun seien die Möglichkeiten zu einem „ehrenhaften Frieden“ gegeben. Das ist eine Sprache, die auch die vorsichtigsten Gemüter im Kreml überzeugen muß. Einem Feind, der selber glaubt, daß er den Krieg militärisch nicht gewinnen kann und der zu einem „ehrenhaften Frieden“ bereit ist, kann man Bedingungen, notfalls strenge Bedingungen stellen.

Moskau wird also vermutlich versuchen, das Feuer in Korea in Gang zu halten. Daß es sich nicht weiter ausdehnt, dafür wollen ja offenbar die freien Staaten des Westens sorgen. Auch sonst sind die Chancen der Sowjets günstig. Mao Tse-tung ist krank. Von Seiten der Chinesen ist daher wohl für einige Zeit keine Opposition zu erwarten. So könnte es Moskau tatsächlich gelingen, den Krieg in Korea noch einige Zeit fortzusetzen. Dann aber sieht es für den Westen nicht gut aus. In einem Jahr wird es in Peking noch immer ein Politbüro geben, das neue Truppen zum Sterben nach Korea beordert. Aber kann es dann ein amerikanischer Kongreß noch wagen, amerikanische Soldaten in einen ziel- und damit sinnlos gewordenen Krieg zu senden? Zweifellos hat MacArthur diese Entwicklung vorausgesehen. Er weiß so gut wie sein Nachfolger Ridgway und jeder Feldwebel seiner Armee, daß man einen Gegner nicht besiegen kann, wenn man weder seine Nachschublinien noch sein Land besetzen darf. Und er hatte daraus seine eigenen Konsequenz gezogen. Sie lautete: Die Entscheidung muß auf dem asiatischen Festland fallen.

Ein bißchen Krieg gibt es – im Zeitalter der kollektiven Sicherheit – ebensowenig wie ein bißchen Schwangerschaft. Zu Beginn des Koreafeldzuges war dies noch nicht klar. Nun ist es erwiesen.

Damit bleiben zwei Möglichkeiten offen. Entweder verwandelt man das bißchen Krieg in einen großen Krieg. Das wollte MacArthur. Oder man stellt das bißchen Krieg ein. Das möchten heute eine Reihe Staatsmänner des Westens. Hätte der Westen die Zeche McArthurs zu bezahlen gehabt, wäre er daran möglicherweise zugrunde gegangen. Müssen wir die Zeche der westlichen Staatsmänner begleichen, ist es keineswegs sicher, daß ein solches Opfer uns rettet. So stehen wir da, wie Buridans Esel zwischen zwei Heubündeln, nur daß diese Heubündel keinen Genuß, sondern Krieg bedeuten. Claus Jacobi (gekürzt)