Von Kai A. Struthoff

Verträumt liegt die stille Dorfstraße im Schatten großer alter Bäume. Die Sonne brennt unermüdlich vom blauen kalifornischen Himmel. Nur gedämpft dringt der Lärm der Autos vom Highway 12 herüber, der die braunverbrannten Hügel des Sonoma Valley durchschneidet und die Städte Santa Rosa und Sonoma verbindet. Doch der kleine, etwas abseits der großen Straße gelegene Ort strahlt völlige Ruhe aus.

Gleich an der Straße liegt die Poststation, das gesellschaftliche Herz der Gemeinde. „Glen Ellen CA. 95 442“ steht in großen Lettern an der hölzernen Wand. Ein Fünfhundert-Seelen-Nest, nur eine Autostunde nördlich von San Francisco, ein Ort wie so viele andere in Amerika. Und dennoch ist etwas anders hier. Ein Name taucht immer wieder auf den Schildern der wenigen Läden, an Häusern und auf Wegweisern auf. Der Name Jack London.

Der berühmte amerikanische Schriftsteller verbrachte in der beschaulichen Idylle Glen Ellens die letzten Jahre seines rastlosen Lebens. Auf seiner 1400 Acres großen „Beauty Ranch“ entstanden viele seiner bis heute unvergessenen Romane. Hier schrieb er, meist unter einem der großen Redwoodbäume sitzend, Bücher wie „Der Seewolf“ oder „Lockruf des Goldes“.

Schon als Junge hatten mich die abenteuerlichen Schilderungen des Schriftstellers in ihren Bann gezogen, und ich war wild entschlossen, auch einmal so zu leben, wie Jack es beschrieb. Der Autor wußte, wovon er berichtete. Das Abenteuerlichste an Jack London, so sagen seine Kritiker, sei sein eigenes Leben gewesen. Im Jack London State Historie Park, der sich heute auf einem Teil der einstigen London Ranch befindet, wollte ich nun den Spuren des Seemannes, Goldsuchers und Tramps Jack London folgen.

Der schmale Arnold Drive, die Ortsstraße, führt vorbei an Läden, die mit dem Namen des berühmtesten Sohnes aus der kleinen Gemeinde werben, an den Jack London Apartments und schließlich zum Jack London Bookstore. Der unscheinbare Buchladen mit der hölzernen Veranda entpuppt sich als Paradies zum Schmökern und Stöbern. Die Wände verdecken große Regale, in denen vergilbte Erstausgaben und druckfrische Paperbacks gestapelt sind – vornehmlich Bücher von oder über Jack London. Dazwischen hängen Poster der zahlreichen Buchverfilmungen, alte Streifen aus den Glanzzeiten der Traumfabrik Hollywood und auch neuere Produktionen, für die das bärtige Gesicht des teutonischen „Seewolfs“ Raimund Harmsdorf wirbt.

Hinter einem mit Papieren überhäuften Schreibtisch sitzt Russ Kingman, der Besitzer des Ladens und außerdem einer der führenden Jack-London-Experten. Sein Buch „A Pictorial Life of Jack London“ ist eines der Standardwerke über den großen Autor. Begleitet von vielen Bildern, die meisten von London selbst photographiert, erzählt das Buch die spannende Lebensgeschichte des widersprüchlichen Autors. Russ Kingmans Begeisterung für den Schriftsteller, den er nie kennengelernt hatte und über den er doch so viel weiß, wirkt ansteckend.