ZDF, Mittwoch, 24. April, 22.40 Uhr: „Filmforum: Fremde im eigenen Land“

Winnipeg ist eine Arche im Meer der kanadischen Prärie. Alles ist darauf vorhanden, was zum modernen Leben gehört, sogar ein gutes Ballett, ein Sinfonieorchester und eine Oper. Ansonsten gibt es in Winnipeg Getreidespeicher, Wurstfabriken, Bankhäuser; und einen Flughafen. Denn der Rest der Welt ist sehr weit weg.

In Winnipeg lebt ein Mann namens Guy Maddin, der einen Schwarzweißfilm über eine ähnlich abgelegene, ebenso nördliche Stadt gedreht hat, Archangelsk in Sibirien. Es ist eine verwegen stilisierte Bilderfolge nach Art des expressionistischen Stummfilms, eine komische Parabel auf den Krieg, die Liebe und das Vergessen. „Archangel“ heißt der Film (3. Mai, 22.55 Uhr in 3Sat). Ein Erzengel, 1919 in einem transsibirischen Feldlager – wahrscheinlich muß man in Winnipeg leben, um darauf zu kommen.

In dem Filmforum von Alexander Bohr werden junge anglokanadische Regisseure vorgestellt, deren Produktionen im Ausland bekannter sind als zu Hause. Sie wagen den fremden Blick in einem Land, wo man froh sein kann über alles, was annähernd heimisch wirkt. Wo so weniges selbstverständlich ist, daß es vielleicht besonders leicht fällt, sich davon abzustoßen und das Dasein als allgemeines in den Blick zu bekommen, als etwas, das es überall gibt auf der Welt.

Manche Themen der Jungfilmer sind entsprechend skurril oder abstrakt. Atom Egoyan, der in Kairo geboren und armenischer Herkunft ist, hat die Kamera selbst im Blick und das, was sie mit Menschen macht, die davorstehen. Guy Maddin will mit seinen Filmen eine Gänsehaut hervorrufen, wie man sie beim Lesen eines guten Gedichtes bekommt, einen literarischen Genuß. Große Ansprüche. Neunzig Prozent dessen, was in kanadischen Kinos läuft, stammen übrigens nicht aus Kanada.

Daß es neben einer florierenden Filmindustrie in Toronto auch eine vitale Filmszene gibt, merkte man 1987, als Patricia Rozema mit ihrem Debüt „Gesang der Meerjungfrauen“ auf dem Festival in Cannes einigen Erfolg hatte (am 9. Mai um 22.25 Uhr in 3Sat) und der Film ein Renner in deutschen Programmkinos war. Die rothaarige, schüchterne Polly hangelt sich in Patricia Rozemas Film als „erfolgloseste Karrieristin aller Zeiten“ von einem Job zum anderen. Polly photographiert alles, was ihr vor die Linse kommt, und erlebt beim Entwickeln der Bilder die wunderbarsten Dinge; sogar den Gesang der Meerjungfrauen kann sie hören. Es sind die Innenräume der Provinz, die hier erblühen; der Film war in Europa so erstaunlich neu, weil er so weitab und so nahe dran war: Das Spiel vor und hinter der eigenen Kamera ist ja inzwischen für jedermann Usus geworden, es ist eine vertraute Art, sich zu begegnen.

Die Jungen, scheint es, nehmen den Film nicht so hin, wie sie ihn vorfinden, sie stellen ihn in Frage; sie stellen das Geld in Frage, das fürs Filmen vom Staat großzügig zur Verfügung gestellt wird. Sie stellen so ziemlich alles in Frage, was das Filmen gemeinhin ausmacht, auch die Konzeption, die Planung, den Stab. Einer von ihnen überläßt sich mit der Kamera vorm Auge dem bloßen Zufall. Dies sei für ihn die sicherste Methode, einen guten Film zu machen: ganz spontan und möglichst ohne Geld. – Ab 24. April läuft eine Reihe von fünf anglokanadischen Filmen im ZDF und fünf kanadischen Filmen in 3Sat. Martin Ahrends