Washington inszeniert den letzten Akt der teuflischen Königin“, schrieb eine Journalistin, die sich an das Ende von Lady Macbeth erinnert fühlte. Kitty Kelley, die Autorin von „Nancy Reagan – die unautorisierte Biographie“, feierte das Erscheinen ihres Buches mit einer Party für tausend Freunde. Im Nationalen Presseclub standen die Leute Schlange, um das Buch zu kaufen und nach den heißen Stellen zu suchen. Hatte Nancy ein Verhältnis mit Frank Sinatra? Haben die Reagans zusammen mit ihren Freunden einen Joint Marihuana probiert?

Kelleys „saftige Bombe“ explodierte auf unzähligen Cocktailpartys des Landes. Das Wall Street Journal hält die Vermarktung der 603 Seiten starken Mischung aus Klatsch, Tratsch und beißender Wahrheit für „ein weiteres Zeichen der Barbarisierung der amerikanischen Öffentlichkeit“, da auch die ehrwürdige New York Times sich im Sensationalismus suhlte, und das sogar auf Seite 1. Ronald Reagan aber erklärte: „Diese absurden Fälschungen überschreiten die Grenze des Anstands, sie sind offenkundig unwahr.“

Kitty Kelley hat ihre ersten Millionen mit boshaften Biographien über Jackie Onassis, Elizabeth Taylor und Frank Sinatra verdient. Sie hält sich für eine seriöse Autorin. Für das Buch über Nancy Reagan hat sie in vier Jahre langer Arbeit 1002 Interviews geführt, um eine Antwort zu finden auf die schlichte Frage: Wer ist sie nun eigentlich? Bis auf Hautfarbe und Geschlecht habe Nancy Reagan alle Teile ihrer Geschichte neu erfunden, behauptet die Biographin: Die 1921 als Anne Francis Robbins geborene Tochter einer Schauspielerin und eines Versicherungsagenten habe mit dem Alter gemogelt, sich mit siebzehn einen neuen Namen zugelegt, sich die Nase kürzen und die Augen liften lassen und ihr Berufsziel „Filmschauspielerin“ 1949 in Hollywood nur durch Beziehungen und kleine Liebesdienste erreicht.

Der letzte Film der MGM-Vertragsspielerin hieß „Bruchlandung“ – aber da war sie schon mit Ronald Reagan verheiratet und hatte die Rolle ihres Lebens gefunden. Die große Liebe war, so Kelley, zunächst auch nur Nancys Erfindung. Der frisch geschiedene Reagan turtelte in Beverly Hills herum und machte anderen Frauen mehr als schöne Augen. „1951 war sie 30 Jahre alt, verliebt und unverheiratet, also fing sie an, mit ihm zu schlafen“, zitiert Kelley eine MGM-Kollegin. Geheiratet wurde 1952, als die Tochter Patti unterwegs war. Nachdem. Ronald vom Filmgeschäft zur Werbung und dann zur Politik überwechselte, zog er zur Rettung der amerikanischen Familie gegen die kommunistische Gefahr in den Wahlkampf. Es gibt endlose Geschichten, mit denen Kelley die angeblich gar nicht so heilen, lieblosen Zustände im Hause Reagan illustriert: Reagans Kinder aus erster Ehe wurden in Internate abgeschoben, die widerspenstige Tochter Patti wurde enterbt, als sie mit einem Rockstar entfloh, Sohn Ron der Homosexualität verdächtigt, weil er Ballettänzer werden wollte.

Schon als Gattin des Gouverneurs von Kalifornien habe Nancy Reagan einen Hang zu teuren Kleidern gehabt, keineswegs aber die Absicht für den, wie sie meinte, standesgemäßen Luxus zu zahlen. Sie habe auf Kosten der Modehäuser liefern lassen. Während ihrer achtjährigen Amtszeit „akzeptierte“ die erste Dame der Nation Kleidung im Werte von einer Million Dollar, berichtet Kelley.

„Vielleicht stimmt’s ja, Nancy, vielleicht sind wir ja alle unwiderruflich gierig und selbstsüchtig. Aber könntest du nicht wenigstens ein bißchen so tun, als ob es in diesem Leben noch etwas anderes gäbe als Handtaschen und Horsd’œuvres?“ fragte das liberale Magazin Washington Monthly. Die Berater des Präsidenten empfahlen soziales Engagement statt Seidenkleider. Nancy startete ihre Aufklärungskampagne gegen Drogen – „Sag einfach nein“ – und konnte potente Gönner für die gute Sache gewinnen. Als die Reagan-Regierung im Februar 1985 über Waffenlieferungen an Saudi-Arabien verhandelte, schickte König Fahd einen Scheck über eine Million Dollar für Nancys Anti-Drogenstiftung und einen Monat später noch einmal denselben Betrag. Das große „Nancy Reagan-Entzugszentrum“, das nach dem Ablauf der Amtszeit in Los Angeles gebaut werden sollte, kam dann leider doch nicht zustande. Mrs. Reagan, so Kelley, hielt es für sinnvoller, ihr Stiftungsgeld selbst zu verwalten, um auch eine angemessene Bürosuite, Sekretärinnen und andere notwendige Accessoires finanzieren zu können.

Kitty Kelleys Plaudereien über die alltäglichen Niederungen der Mächtigen folgen den Regeln des Klatsches. Was da an hohen Staatsgeschäften und menschlichen Maßlosigkeiten aneinandergereiht wird, sackt alles auf das gleiche triviale Niveau. Das mag eine befreiende Wirkung auf die Menschen draußen im Lande haben. Die da oben, mag sich John Sixpack denken, sind auch nicht viel besser; und wir, freie Bürger eines freien Landes, dürfen sie mit Dreck beschmeißen. Für eine politische Analyse scheinen der geschwätzigen Scheherazade aus Washington Erkenntnis und Interesse zu fehlen. Elisabeth Wehrmann