Waren Sie schon, oder wollen wir zusammen? Gleich ein Uhr vorbei. Spät genug. Die meisten sind doch schon durch. Was gibt es denn heute? Hackbraten mit Pilzsauce, italienisches Gemüse und Salzkartoffeln. Das ist bestimmt wieder so fettig. Und Schonkost? Reis-Röstling mit Curry-Mandel-Dip. Was ist denn Dip? Bestimmt was Indisches. Und dazu? Salzkartoffeln! Das paßt ja wieder. Gibt es was nach? Nichts? Bei zweifuffzig die Marke kann man das wohl erwarten.

Man sollte sich wirklich was mitbringen für mittags. Käsestullen und Obst. Das wäre gesünder. Nehmen wir die Treppe oder den Fahrstuhl? Also gut, die Treppe. Vorm Essen geht es ja noch. – Mahlzeit, Teuerste! – Ich kann mir einfach den Namen von der Frau nicht merken. Die ist doch Sekretärin beim Doktor Dings, beim... Dabei habe ich gar kein so schlechtes Namensgedächtnis. Zahlen fallen mir leichter. Jeder zweite Ostdeutsche und jeder dritte Westdeutsche verzehrt in der Mittagspause sein Butterbrot, ein Müsli oder Essen aus dem Henkelmann, haben sie jetzt in der Zeitung geschrieben. Gestern stand es drin. Der Gänscher – was, den kennen Sie nicht? Der bringt sich immer Müsli-Riegel mit. Die sehen aus wie Hamsterfutter. Nein, der ist nicht verwandt. Der schreibt sich mit a-Umlaut. Der ist jetzt zweiter Buchhaltungschef geworden. – Mahlzeit! – Wer war denn das? Das war die Heinzel? Hat die abgenommen. Seit letzten Monat schreiben sie die Kalorien neben das Essen. Hat der Betriebsrat verlangt. Die Angaben stimmen bestimmt nicht. So fettig wie – Mahlzeit! – das Essen ist.

Wie das wieder riecht. Den ganzen Flur runter bis ins Treppenhaus. Nach verschmorter Paprikaschote. Das ist Broccoli? Ach ja: italienisches Gemüse. Ich glaube, ich nehme den Dip. 22 Prozent übrigens fahren jeden Mittag in der Pause nach Hause, 13 Prozent im Osten. Da kocht dann die arbeitslose Ehefrau. Na, die haben ja jetzt Zeit. Halbe Stunde Pause, mehr ist doch hier bei uns gar nicht drin. Stand alles im Anzeiger. Unter Vermischtes.

Da haben die jetzt eine Umfrage gemacht. Beim Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Wahrscheinlich wurde bei Krankschreibungen das Kantinenessen angegeben. Dabei soll ja nur etwa ein Viertel der Berufstätigen in West und Ost in die Kantine gehen, haben sie rausgefunden. Jetzt gucken Sie sich die Schlange an! Da stehen wir ja geschlagene zehn Minuten, bis wir an die Futtertröge kommen. Geben Sie mal ein Tablett. Wo ist denn meine Marke? Das ist ja unangenehm. Können Sie mir aushelfen? Können Sie nicht?

Können Sie doch. Na, Gott sei Dank. Drüben – also gut: In den fünf neuen Bundesländern haben sie inzwischen fast die Hälfte aller Kantinen geschlossen. Unter Honecker konnten noch 95 Prozent aller DDR-Werktätigen in einer Kantine essen. Aber wozu sollen denn auch die volkseigenen Betriebskantinen bleiben, wenn die Werktätigen längst entlassen sind, frage ich Sie? Wieso gibt es keinen Curry-Dip mehr? Ausgegangen? Dann her mit dem gehackten Molli. Setzen wir uns dahinten hin? Nun sehen Sie sich mal an, wie der Schmaltz wieder frißt.

Waren Sie mal unten am Würstchenstand mittags? Wie das da stinkt! Nur Männer stehen da, mit Aktenköfferchen zwischen den Füßen und der Riesenknacker zwischen den Zähnen. Neben dem Parkplatz. Da führt eine Sekretärin immer ihren Hund gassi. Die gehören wohl zu den zehn Prozent, die mittags in ein Lokal gehen oder zur Imbißbude. Dann gibt es ja noch welche, die sich selbst was in der Flurküche zubereiten, haben die Betriebskrankenkassen herausgefunden. Also, da hört es doch auf, oder? Sie müssen schon gehen? Na, dann: Mahlzeit!“ Viola Roggenkamp