Von Marie Hüllenkremer

Feinsinnige Feuilletonisten bringt er zuweilen in Rage: Ein „levantinisches Schlitzohr“ nennt ihn der eine, die „Allüre eines Teppichhändlers“ attestiert ihm ein anderer. Christos M. Joachimides reagiert auf solche Attacken mit dem provozierenden Selbstbewußtsein der Erfolgreichen. Die berufliche Welt, in der er sich bewegt, vergleicht er in diesem Zusammenhang mit einem Rasen: „Wenn ein Grashalm hochkommt, wird er geköpft.“

Christos M. Joachimides zählt zu jener Handvoll Menschen in der Welt, die einen neuen Beruf kreierten: Er ist Ausstellungsmacher. Mit seinen „Inszenierungen“ (darunter „A New Spirit in Painting“ 1981 in der Londoner Royal Academy, „Zeitgeist“ 1982 im Berliner Gropius-Bau sowie „Deutsche Kunst von 1905 bis 1985“, wiederum in London) regt er die Kunstwelt auf und an. Sein neuester Streich findet in dieser Woche statt: „Metropolis“ heißt die Schau, die am 19. April im Gropius-Bau eröffnet wird und von der Kunst der achtziger Jahre handelt. Der Titel erinnert an Fritz Langs Film und greift auf, was Joachimides 1984 mit seiner Brüsseler Ausstellung – „fast prophetisch“, wie er heute interpretiert – behauptet hatte, daß Berlin nämlich „die wiedergefundene Metropole“ sei.

Der barocke Promoter, mittlerweile 58 Jahre alt, ist Grieche von Geburt, Deutscher laut Reisepaß und Kosmopolit nach Lebensart. So stöbert er, der Antityp des Bürohockers, junge Künstler in ihren Ateliers auf, ob in New York oder Köln, in England oder den Niederlanden. Für „Metropolis“ bereiste er in den vergangenen Monaten sogar Polen, Ungarn und die Sowjetunion. „Man reist, man guckt, man spricht“, sagt er. Field research, da greift Joachimides polyglott auf einen Begriff der Ethnologin Margret Mead zurück, beginne im Nebel. Mit zunehmender Recherche „verschwindet der Nebel, der Tag beginnt“. Dabei sagt ihm die Arbeit eines Künstlers nur bedingt etwas. Die „Haltung“, die er in langen Gesprächen erkundet, hält er für das Qualitätsmerkmal, die „Kongruenz von Person und Werk“. Anders als bei Édouard Manets Œuvre etwa, bei dessen Beurteilung „kein Feigenblatt“ existiere, gebe es für das Werk eines Newcomers keine eindeutigen Kriterien. Qualität müsse man vielmehr durch ein gutentwickeltes „geistiges Sensorium“ erahnen.

Daß Urteile dabei zuweilen auch revidiert werden müssen, hält Joachimides nicht für einen Bruch: Die Malerei des Berliner Künstlers Dieter Hacker, der in früheren Jahren zu seinen Favoriten zählte, kommentiert er heute vielsagend mit einer abwertenden Handbewegung. Rainer Fetting, wilder „Zeitgeist“-Maler und standfester als seine Kombattanten, hat er zu „Metropolis“ nicht eingeladen. Ähnlich kann es Galeristen ergehen, deren Kompetenz Joachimides allgemein schätzt, was ihm häufig den Vorwurf einbringt, er halte nicht genügend Distanz zum Handel. Michael Werner, der Kölner Galerist solch erfolgreicher Artisten wie Georg Baselitz, Werner Lüpertz und A.R. Penck und lange Zeit eifrigster Zulieferer Joachimides’, verkaufe heute „Antiquitäten an die Upper East Side“, bemerkt er süffisant. Sprich: Werner zeigt in seinen New Yorker Galerieräumen Arbeiten von Hans Arp und Schwitters. Im Kunstbetrieb bekennt sich Joachimides explizit zum „Sozialdarwinismus“.

Wie kaum ein anderer hat er aber auch ein Gespür für Tendenzen, für Trends. Und er provoziert gern. Was ihm immer wieder Prügel – aber nachträglich oft auch eine gewisse Bestätigung einbringt, wie er zufrieden betont: „,A New Spirit in Paintin‘ wurde wirklich mit Geschrei und Verbalinjurien abgelehnt. Aber ich glaube, das war das Fenster zum Hof. Da haben wir zum ersten Mal nach dem Kriege deutsche Kunst mit einer nonchalanten Selbstverständlichkeit gleichberechtigt neben der internationalen gezeigt. Ob man sie nun mag oder nicht, ist eine andere Frage. Das hat natürlich Kontroversen ausgelöst. Aber dieselben englischen Kritiker, die die Londoner Schau verunglimpften, haben ein Jahr später bei ‚Zeitgeist‘ – wieder etwas übertrieben – ein Hosianna gesungen. Heute hängen Bilder der neuen Maler im Pompidou in Paris, im New Yorker Museum of Modern Art, in der Tate Galery, in Australien.“