Ganz Deutschland im Wandel: Auch der Westen der Republik muß umlernen

Von Roger de Weck

Seit Jahresbeginn hat sich das Gefühl verdichtet, daß etwas nicht stimmt in Deutschland. Woran lag es zum Beispiel, daß Helmut Kohl monatelang die neuen Bundesländer mied und in Bonn fast niemand aufmerkte? In alldem drückte sich die ungeheure Diskrepanz zwischen der westdeutschen Befindlichkeit und der ostdeutschen Wirklichkeit aus.

Zum Glück ändert sich jetzt allmählich die Stimmung. Der Kanzler hat sich auf Besuch in Erfurt sehen lassen. Außerdem hat er den SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel empfangen und das konstruktive Gespräch mit der Opposition eröffnet. Nach schlimmen Irrungen und Wirrungen gibt es vorerst genug Geld für den wirtschaftlichen Umbau im Osten, auch für ein erstes Programm zum Bau von Sozialwohnungen. In Berlin legt sich die neue Chefin der Treuhandanstalt auf ein vernünftiges Programm fest: Birgit Breuel will nicht bloß privatisieren oder stillegen, sondern auch „entschlossen sanieren“.

Denjenigen, die sich von Anfang an für ein aktiveres Eingreifen des Staates verwendet haben, ist das zwar ein Grund zur Genugtuung. Aber die eigentliche Arbeit muß erst noch richtig anfangen – nicht nur im Osten. Auch der Westen ist mehr denn je gefordert. Alle müssen umdenken, denn der Systemwechsel in der ehemaligen DDR wird mit einem Systemwandel in der gesamten Bundesrepublik einhergehen.

Im Grunde sind alle Deutschen zutiefst konservativ, und zwar gleichgültig, ob sie nun links oder rechts stehen. Selbst wenn sie vom Willen zur Veränderung beseelt wären, könnten sie die Macht der Gewohnheit nicht einfach abschütteln. Und das gilt sowohl für die Ostdeutschen als auch für die Westdeutschen – vielleicht sogar erst recht für die Westdeutschen. Viele von ihnen wollen noch immer nicht wahrhaben, daß die Bundesrepublik ein anderer Staat und ihre Volkswirtschaft eine ganz andere geworden ist. Demgegenüber stößt sich mancher Ostdeutsche an der Binsenwahrheit, daß der Beitritt zur Bundesrepublik nicht nur mit Vorteilen, sondern natürlich auch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein muß.

Zwischen den ungleichen Hälften Deutschlands herrscht jetzt gewissermaßen ein Verteilungskampf um Kontinuität. Die Ostdeutschen wollten und wollen einen grundlegenden Wandel, der dennoch möglichst viel Gewohntes aufrechterhält. Und nicht wenige Westdeutsche sehen in der Einheit letztlich einen Störfaktor, denn die Vereinigung bedeutet für sie Verzicht: Verzicht auf noch mehr Wohlstand und auf althergebrachte Denkmuster.