Seit es die DDR nicht mehr gibt, haben Umweltpolitiker, die auf das im Westen Erreichte stolz sind, ein neues, dankbares Betätigungsfeld gefunden: die Entseuchung der neuen Bundesländer im Osten. Zweifellos haben die sozialistischen Politiker ihre Wirtschaftspläne ohne jede Rücksicht auf die menschliche Gesundheit und die natürliche Umwelt durchgesetzt. Und unbestritten muß diese gefährliche Altlast nun mit Milliardenaufwand saniert werden. Doch es gibt keinen Grund, im Westen die Hände in den Schoß zu legen und nur auf das Erbe der Schmutzfinken im Osten zu zeigen – beidseits der Elbe sind die Menschen vor keinem Gift si-

Die jüngste Hiobsbotschaft mußte die Bremer Umweltsenatorin Eva-Maria Lemke-Schulte überbringen. Auf Sport-, Spiel- und Bolzplätzen in der Hansestadt an der Weser fanden Umweltanalytiker das Seveso-Gift Dioxin in der unvorstellbar hohen Konzentration von 100 000 Nanogramm pro Kilogramm Erde. Das ist weit mehr, als bisher andernorts auf öffentlichen Plätzen gefunden worden ist, und übertrifft selbst die aufsehenerregende Bodenverseuchung der Hamburger Bille-Siedlung um das Zwanzigfache.

Zwar ist ein Nanogramm nur ein Milliardstelgramm. Aber wegen der extremen Giftigkeit von Dioxin empfiehlt das Bundesgesundheitsamt bereits bei einer Belastung von hundert Nanogramm auf Spielplätzen einen Bodenaustausch. Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß Kinder beim Spielen im Freien pro Tag rund 130 Milligramm Bodenstaub aufnehmen. So kann das Seveso-Gift auf direktem Wege in den menschlichen Körper gelangen – ein Skandal, zumal Kinder bereits im Säuglingsalter durch die Muttermilch übermäßig mit Dioxin belastet werden.

Ursache der Dioxinverseuchung in Bremen ist zerbröselte Kupferschlacke, Markenname „Kieselrot“, aus der die Oberfläche der Spielplätze besteht. Das Giftzeug entstand zu Zeiten der Kriegswirtschaft als Abfall der Kupferhütte Hermann-Göring-Werke im sauerländischen Marsberg. Obwohl ein Betriebsbericht aus dem Jahr 1935 offenbart, daß die Umweltgefahren schon damals wohlbekannt waren, wurde Kieselrot bis Anfang der siebziger Jahre vermarktet. Und Bremen war nur ein Kunde von vielen. Die Umweltpolitiker der Hansestadt vermuten, daß auf ihrem Stadtgebiet nur ein Tausendstel der insgesamt verkauften Giftschlacke lagert. Deshalb hat die Bremer Umweltsenatorin. ihre Kollegen in den anderen Bundesländern und den Bonner Umweltminister Klaus Töpfer alarmiert. Denn immer noch wird mehr zufällig als systematisch nach Dioxingefahren geforscht.

Die vergifteten Plätze müssen zunächst unverzüglich gesperrt, die Giftschicht muß ausgebaggert werden. Doch was dann? Ist es möglich, die riesigen Mengen verseuchter Erde zu dekontaminieren? Wo kann das giftige Erdreich gefahrlos gelagert werden? Welche Summen kostet die Entseuchung, und woher soll das Geld dafür kommen? Wieder einmal müssen die Umweltpolitiker Krisenmanager spielen. Doch die Politik darf sich nicht in der Bewältigung der Fehler von gestern erschöpfen.

Nicht nur die auf extreme Kostenersparnis ausgelegte Kriegswirtschaft hat uns nämlich eine üble Hinterlassenschaft beschert; auch die zivile Wirtschaft, hochentwickelt, was die Befriedigung von Konsumbedürfnissen angeht, ist geradezu blind im Umgang mit gefährlichen Stoffen, Produkten und Abfällen. Deshalb lagert Dioxin auf dem gesamten Gebiet der Bundesrepublik, wenn auch in viel geringeren Konzentrationen als auf den Bremer Spielplätzen. Und jährlich kommen geringe Mengen hinzu – durch den ganz normalen Produktionsprozeß. Dioxin ist eins der schlimmsten von Menschenhand erzeugten Umweltgifte.

Aufgeschreckt durch die alarmierenden Altlasten in Bremen und anderswo, beginnen die Umweltpolitiker nun zaghaft und viel zu spät, sich des Problems auch vorsorgend anzunehmen. In Wirklichkeit geht es dabei um weit mehr als nur um Dioxin – es geht darum, die Wirtschaft endlich umweltverträglich umzugestalten. Oder soll damit fortgefahren werden, unliebsame Begleiterscheinungen des Wirtschaftens einfach den nachfolgenden Generationen aufzubürden?