Mit Büchern über die Alpen läßt sich inzwischen eine umfängliche Bibliothek füllen. Zumeist sind es gedruckte Bergführer, die zeigen wollen, wo es angeblich so reizvoll wie sonst nirgendwo ist: die „100 schönsten Touren“ der Ost- oder der Westalpen, der Schweiz oder Österreichs, die „schönsten Klettergebiete“, die „leichtesten Viertausender“ oder, ganz unbescheiden, die „schönsten Berge der Alpen“. Eins haben alle alpinen Ratgeber gemeinsam: Sie wollen Touristen hinauflocken zu den Gipfelkreuzen, ihnen – wie einst Luis Trenker selig – zum Bergsieg verhelfen: der Berg als Gegner, den es zu bezwingen gilt. Wer nicht irgendwo ganz oben gestanden hat, wer sich nirgends ins Gipfelbuch eintragen konnte, der hat seinen Urlaub verschenkt.

Die Lehre vom Gipfelsieg übersieht geflissentlich, daß all die majestätischen Bergriesen für die Mehrzahl der Alpenurlauber, leidgeprüfte Schreibtischmenschen, nur zum Anschauen von unten da sind. Mehr noch: Wer die Drei-Wochen-im-Jahr-Alpinisten durch Sehnsuchtsliteratur in vergletscherte Gipfelregionen hinaufhetzt, muß sich fragen lassen, ob er nicht einen Beitrag leistet zur hohen Zahl der Bergunfälle.

Es ist deshalb ein Fortschritt, daß der Münchner Bruckmann-Verlag sein Hoch-hinaus-Programm durch Ratgeber-Literatur für den alpinen Normalverbraucher anreichert. „Wanderungen und Loipen in Gebirgstälern“ heißt die Reihe, in der das Bändchen über Südtirol besonders hilfreich ist. Denn die Täler der Region um Bozen sind eine reizvolle Mischung aus Rebenhängen, Obstgärten und Törggelstuben, bestrichen von einem zumeist „bacherlwarmen Lüfterl“. Wer etwas höher hinauswill, wandert über die sonnenverwöhnten Etschböden des Vintschgaus. Die Autoren, Maria und Bernd Riffler, schlagen 46 Touren durch Gebirgstäler, über Höhenwege bis hin zu Hüttenwanderungen vor – vom Reschenpaß im Westen bis zum Sarntal im Nordosten. Und für den Winter wird das Büchlein zum Loipenführer.

Ärgerlich ist allenfalls, daß die Autoren in einer längst erschlossenen und unter dem Joch des Tourismus ächzenden Bergwelt weiterhin „stille Refugien“, „Geheimtips für Naturapostel“ oder „intime Erlebnisse im Bilderbuchtal“ anpreisen. Derlei darf man getrost überlesen und sich statt dessen darüber freuen, daß nirgends zur Überanstrengung aufgefordert wird. In diesem Bändchen werden Jausenstationen höher geachtet als Gipfelkreuze. K.B.

  • Maria und Bernd Riffler:

Südtirol; Wanderungen und Loipen in Gebirgstälern

Bruckmann Verlag, München 1990; 180 S., 48,– DM