München

So etwas hat es noch nie gegeben!“ Deutsche und sowjetische Zeithistoriker – die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung in München hatte sie letzte Woche zusammengeführt – wurden nicht müde, sich gegenseitig zu loben, was sie da zuwege gebracht. Sie haben in der Tat ein neues Kapitel im Buch der traditionsreichen kulturellen Beziehungen zwischen dem russischen und dem deutschen Volk aufgeschlagen: In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie die zuständigen Behörden in der Sowjetunion und in den einzelnen Sowjetrepubliken auf, der historischen Wissenschaft „uneingeschränkten Zugang zu allen Quellen und Archiven zu geben“.

Noch vor sieben, acht Jahren prallten sowjetische und (west)deutsche Historikerkollegen bei ihren Treffen wie Ritterheere mit eingelegter Lanze aufeinander. Und in Moskau selber sah es noch trostloser aus: Als ein Kollege aus dem Westen eine sowjetische Historikerin aufsuchen wollte, hielt sie sich alle möglichen Unannehmlichkeiten vom Hals, indem sie sich zu einem Urlaub aufs Land zurückzog. Heute jedoch redet man offen miteinander, mit kritischem Respekt, bisweilen gar herzlich.

Was hat diesen Wandel bewirkt? Sicherlich auch die gastfreundliche, heitere Umgebung im ersten Kavaliershaus am südlichen Rondell des Nymphenburger Schlosses, eine der besten Adressen Münchens. Gewiß auch der deutsch-sowjetische Freundschaftsvertrag aus dem Einigungsjahr 1990, der an die guten Traditionen preußischdeutscher Ostpolitik anknüpft. Aber doch wohl ebenso die Spätfolgen der Perestrojka, an der nun auch die sowjetischen Zeithistoriker teilhaben.

Doch brauchen sie dringend Aufmunterung, und sie bekamen sie von ihren deutschen Gesprächspartnern. Denn in der Sowjetunion tobt zur Zeit ein Historikerstreit. Einige der Gäste beklagten bitter, daß die neue Bewertung des Hitler-Stalin-Paktes und des Geheimen Zusatzprotokolls, das Balten und Rumänen in Bessarabien ihre nationale Freiheit raubte, immer noch nicht Allgemeingut des Volkes ist. Im Gegenteil, in der militärgeschichtlichen Fachzeitung wird weiter von Fälschungen gefaselt; die Autoren sind die gleichen, die vor einigen Wochen dem Irak einen glänzenden Sieg über seine Feinde voraussagten.

Von der Zensur fühlen sich die Historiker endlich befreit. Sie wollen ernsthaft und wahrhaft die neuere und neueste Geschichte des eigenen Landes und die der deutsch-sowjetischen Beziehungen aufarbeiten. Doch da legen ihnen Staats- und Parteibehörden Hindernis um Hindernis in den Weg. Dringend not täte eine gesetzliche Regelung des Archivwesens nach dem Vorbild westeuropäischer Länder, mit Freigabe der Sperrfrist nach spätestens dreißig Jahren. Die geheimnisumwobenen Sonderarchive sollten in die ordentlichen überführt werden, mitsamt dem deutschen Beutegut, das noch so ungeordnet daliegen soll wie bei Kriegsende (Ein deutscher Fachmann schätzt: „Arbeit für hundert Doktoranden“).

Die Wirkung der gemeinsamen Intervention auf die sowjetische Innenpolitik bleibt abzuwarten. Man hält sich da lieber an das russische Sprichwort: „Langsam anspannen, schnell fahren“. Ansonsten liegen viele gute Vorsätze auf dem Tisch. Was ließe sich nicht alles anpacken: Rapallo, die Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee, Unterschiede und Parallelen in den Formen und Verhaltensweisen von Stalinismus und Nationalsozialismus, Austausch von Artikeln in der Fachpresse. Dank der VW-Stiftung gibt es schon ein Stipendienprogramm für jüngere sowjetische Historiker. Ihre deutschen Kommilitonen, so scheint es, werden noch ein bißchen mehr Russisch lernen müssen... Karl-Heinz Janßen