Amerikas Außenminister Baker steht in Israel noch nicht vor dem großen Durchbruch

Von Jochen Steinmayr

Jerusalem, im April

Der jüdische Taxifahrer hatte bereits sein Fähnchen mit dem blauen Davidstern aufgesteckt, die arabischen Händler in der Altstadt hatten ihre Läden endlich wieder geöffnet. Der Schlagbaum an der streng bewachten Sperre von Jerusalem zur besetzten Westbank war hochgezogen, die Militärkontrolle lässig. Am Straßenrand liegen Berge von Obst und frischem Gemüse. Hätten die palästinensischen Bauern ihre Festtagsware in Israels Hauptstadt gebracht, wären Steuern fällig gewesen. Und jüdische Kunden hätten sie auch dort schwerlich angelockt.

Immer noch verläuft eine Mauer der Angst durch Jerusalem. Israelis fürchten sich, in den arabisch bewohnten Stadtteil hinüberzuwechseln. Umgekehrt ist es ebenso. Daran ändert auch die Feiertagsstimmung auf beiden Seiten nichts: das Ende des Ramadan bei den Muslimen, der Unabhängigkeitstag bei den Juden. Auch der ersehnte, laue Frühlingswind läßt keine Fröhlichkeit aufkommen in der Heiligen Stadt, hellt die finsteren Gesichter nicht auf.

Seit der amerikanische Außenminister James Baker mit seinem Musterkoffer voll von Friedensvorschlägen zu Beginn der Feiertagswoche abgereist ist (um zum Wochenende bereits wieder dazusein), herrscht nur in den Amtsstuben routinierte Gelassenheit. Jitzchak Schamirs Regierung will sich den Schwarzen Peter einer Friedensverhinderung keinesfalls zuschieben lassen – ebensowenig wie Bakers arabische Gesprächspartner in Jerusalem und in den anderen Hauptstädten der Region. Verbürgt ist über seine beiden bisherigen Missionsreisen durch den Nahen Osten nur die Erkenntnis des amerikanischen Außenministers: „Du lieber Himmel, bin ich denn hier in einen politischen Basar geraten?“

Im amerikanischen Generalkonsulat saßen die von ihren Landsleuten als Aristokraten angesehenen Vertreter der unterdrückten Palästinenser dem leger gekleideten Amerikaner gegenüber wie preußische Landräte im Bratenrock mit gestärkten Hemdkragen. Im Lagerjargon der Palästinenser heißen sie „unsere erlauchte Mannschaft“. Umgekehrt mokieren sich jüngere israelische Beamte über den seltsamen Gesinnungswandel im Regierungslager und über Bakers naive Vorstellung, hier, auf quasi europäischem Boden, Verständnis für die amerikanische Devise „Zeit ist Geld“ zu finden. Dabei, so einer der alerten Jungmänner aus Schamirs Umgebung, bestünde zwischen dem vorsichtigen Ministerpräsidenten und seinen arabischen Kontrahenten immerhin eine Gemeinsamkeit: Sie alle setzten nach orientalischer Manier auf Zeit. Ganz im Gegensatz zu Baker, der von seinem Präsidenten angesichts der kurdischen Katastrophe getrieben wird, nach dem militärischen Triumph einen schnellen Frieden zusammenzuzimmern, „damit für Bush der Lorbeer nicht bitter wird“.