Von Hans-Joachim Müller

Der Abgeordnete zieht die Hosen hoch. Kann im politischen Gedränge ja schon mal vorkommen, daß sich die Halterung des Beinkleides löst. Von hinten stößt ihn ein Kollege in den Rücken. Und vorne ist kein Durchkommen. Nein, würdevoll schaut er heute nicht drein, der Herr Volksvertreter. Der Nachbar mit der süddeutsch-fleischigen Nase muß seinen Parlamentarierdurst etwas ungestüm gestillt haben und kann sich nur noch mühsam auf den Beinen halten. Überhaupt scheinen die Schwarzkittel um ihn herum alle etwas weich in den Knien.

Wie anders sahen sie noch.damals aus, als sie an jenem denkwürdigen Donnerstag im Mai 1848 zur ersten Sitzung einer deutschen Nationalversammlung anmarschiert kamen. Entblößten Hauptes, wie dem Chronisten aufgefallen war. Hinter schwarzrotgoldenen Fahnen, im Gleichschritt marsch, unter dem Glockendröhnen der Frankfurter Paulskirche, hinein in die „Herberge deutscher Hoffnungen und Schaubühne deutscher Tragik“, wie Theodor Heuss das Lokal später rühmen wird. Und wer das sonore Pathos des schwäbischen Staatsmannes noch im Ohr hat, der hört sie weiterhin grollen, die schrundigen Rrr in all den Schicks als Wörtern. Wie hätte der Bundespräsident wohl den Namen Grützke ausgesprochen?

Johannes Grützke muß nur noch den Firnis auf 96 Quadratmetern bemalter Leinwand verstreichen, dann ist sein opus maximum übergabebereit. „Firnissen ist Erfüllung“, strahlt er von der Leiter, „das darf kein Knecht.“ Einen Knecht hat der Meister ja auch nicht gebraucht, als er im Berliner Atelier den Auftrag seines Lebens ableistete. 1987 war der Maler aus einem beschränkten Wettbewerb als klarer Sieger hervorgegangen. Der Frankfurter Magistrat hatte sich zur anstehenden Restaurierung der Paulskirche einen alten Kunstwunsch erfüllen wollen. Schon in den vierziger Jahren nämlich war die Idee diskutiert worden, das gerettete Denkmal politischer Hoffnungen und Niederlagen mit einem Kunstwerk zu adeln, das so recht vom Geist des Ortes durchdrungen wäre. Vom Geist nobel unterkühlter Repräsentation, den der Wiederaufbauarchitekt Rudolf Schwarz der Kriegsruine gegeben hatte. Seinem Wahrzeichen für die nun allzeit bescheidene Gesittung der neuen Republik hätte sich auch die Kunst bescheiden zu fügen. Den vertagten Plan wieder zu beleben schien jetzt nicht unzeitig, gab es doch manche in der Stadt, die ihre Paulskirche am liebsten in den klassizistischen Vorkriegszustand zurückrekonstruiert hätten. Ein Sinnbild nun zum hochanspruchsvollen Thema „Vormärz und gescheiterte Revolution von 1848 ... als künstlerische Botschaft an die Gegenwart“ könnte von solcher Begehrlichkeit ablenken helfen. „Nur eine künstlerische Arbeit“, hub die Ausschreibung an, „kann die Kraft, die Leidenschaft, das Leid des persönlichen und politischen Scheiterns jener Vision eines besseren Deutschland lebendig machen und lebendig erhalten, kann Geschichte zur ständigen Emotion für die Gegenwart ummünzen.“ Die ausgespähten Künstler sahen schon Frackschöße flattern und gaben der Stadt einen Korb nach dem anderen. Lüpertz, Kiefer, Richter, Heisig, Tübke. In der Endrunde setzte sich Johannes Grützke mit seinem kuriosen „Zug der Abgeordneten“ gegen die Entwürfe von Penck und Immendorff durch.

Der behördliche Stolz traf auf eher gedämpfte Stimmung in der meinungsbildenden Kunstklasse. Ausgerechnet Grützke! Der spruchbehende Protagonist jenes urgesunden Berliner Malstils, der hinter der Hand doch meist als lokale Tradition abgetan wird! Für die fetzige Figurenmalerei des Erfinders der „Neuen Prächtigkeit“ war jedenfalls auf der internationalen Avantgardeskala nie ein Platz frei gewesen. Schwer vorzustellen, urteilte der Frankfurter Kritiker Peter Iden nach dem Juryentscheid, daß der Vorschlag tatsächlich realisiert werden könnte. Ist das nun Genugtuung, die hybride Malaufgabe trotz aller Vorschußskepsis gelöst zu haben und gleich noch an der gepriesenen Konkurrenz vorbeigezogen zu sein? „Nö“, sagt der Maler und sagt das so, daß man auch merkt, er kann sich’s jetzt leisten, „nö“ zu sagen.

Wenn ihn nicht Peter Zadek für eine neue Bühnendekoration brauchte, sah man Johannes Grützke in den vergangenen zwei Jahren nachmittags im Künstlerhaus Bethanien, wo er an den vierzehn monumentalen Teilstücken arbeitete, die zusammengesetzt einmal die angeforderten 32 Laufmeter Parlamentarierdefilee ergeben sollten. Anders als bei Tübkes Bauernkriegspanorama, dessen überfüllten Bilderparcours der Betrachter durch bloße Körperdrehung bewältigt, muß er sich vor Grützkes Revue in der kryptaähnlichen Wandelhalle der Paulskirche um ein ovales Raumelement herumbewegen. Was für den Architekten einst die „leuchtende Mitte“ seines Baues war, ist heute eine VIP-Lounge mit geheimem Innenleben und kunsttauglichen Außenwänden. Der Blick auf die drängelnden und schubsenden Mandatsträger ist also immer nur Detailblick und wird noch von einer Phalanx bulliger Säulen gebrochen, die respektheischend den Rundlauf umstellen.

Daß man dem illustrierten Beitrag zur Verfassungsgeschichte allein in architekturbestimmten Ausschnitten begegnet, läßt einen fast an gnädige Fügung denken. Nicht auszumalen, wir stünden einmal vor der ganzen aufgeklappten Front der über zweihundert Helden und Quoten-Heldinnen, die da gemeinsam für Deutschland schlurfen! Es muß etwas zutiefst Deprimierendes haben, dem grotesken Aufmarsch nicht gleich ausweichen zu können. Wer wolle, könne die Karussellfahrt ja auch als Trauerzug für die gescheiterte Demokratie deuten, hatte der Maler in seiner Entwurfsbeschreibung versprochen. Ein Trauerzug? Die Passion des füsilierten Abgeordneten Robert Blum fällt in dem Grützke-Comic kaum durch besonders anrührende Qualitäten auf. Ihr dienen dieselben harmlos-brutalistischen Malmittel, die auch die schwangere „Reichs“-Allegorie mit ihrem Heiligenschein aufgerichtet haben. Das grobschlächtige Furioso ebnet die Unterschiede zuverlässig ein, auf die der Maler sich gerne beruft. Veritable Portraits wollen ja seine stieren Gesichter sein. Hier zum Beispiel habe sein Kneipenwirt Modell gestanden, und dort sei unschwer Grützkes Galerist zu erkennen. Und Friedrich Wilhelm IV., der zur Schmach der angereisten Parlamentarier die mitgebrachte Kaiserkrone ablehnt, den dürfe man getrost als geglückt beschreiben. Auf zeitgenössischen Stichen sehe er nicht weniger töricht aus.