Goethe und Schiller auf ihrem Denkmal-Sockel in Weimar. Sagt Wolfgang: „Boris hat verloren.“ Klagt Friedrich: „Steffi auch.“ Mit Unmut vernimmt Goethe, daß die jungen Draufgänger Kleist und Büchner ihr Publikum finden. „Büchner hatte sitzende Ovationen an der Burg“, rühmt Schiller. „An der Burg ist alles ein Erfolg“, höhnt Goethe.

Ein Mann und eine Frau im Stundenhotel. Er hustet sich die Seele aus dem Leib. Sie ist ganz Fürsorge, noch wenn sie sich die Schnürstiefelchen aus- und den Freund ins Bett zieht. Der hustet, bis ihm die Taschenuhr in der Erschlaffung des Todes aus der Hand fällt. Dann, endlich, ein Wort – und wir hören, daß wir in acht oder zehn Minuten stummen Spiels der letzten Begegnung Kafkas mit der Geliebten Milena zugeschaut haben („Liebestod“ heißt die Szene): „Alle meine Briefe an dich werden von der Gestapo verbrannt“, so beklagt die junge Frau ihre Zukunft, „alle die deinigen werden von Max gerettet werden, außer einem, dem ersten, den ich in einer Binde verstecken werde. Später dann werde ich auf meiner Pritsche liegen, einen Block vom Krematorium entfernt, und eine Freundin, Bubers Tochter, wird mir deinen Brief an mich vorlesen.“

Auf der Bühne wütet und lispelt der als Kritiker-Papst gefürchtete Journalist „Ra-Ra“ („bekannt für seine bizarren Fehl-Urteile“), ehe ihm die als Keiner verkleideten Erzengel Gabriel und Michael ein Glas Bier spendieren und ihn aus dem „siebenten Kreis der Hölle“ in den Himmel der Literatur entführen.

Szenen-Splitter aus dem neuen Stück von George Tabori, „Babylon-Blues oder Wie man glücklich wird, ohne sich zu verausgaben“, das der bald siebenundsiebzig Jahre alte Schriftsteller und Regisseur, Dramatiker und Schauspieltrainer, ewige Zweifler und unbeirrbare Liebhaber des Lebens und des Theaters am Burgtheater als Uraufführung inszeniert.

Am Burgtheater? Ja, das Publikum lag dem Regisseur zu Füßen. Der hat auch herrlich vernuschelte Auftritte als weiser Witzemacher und Bühnenarbeiter. Wann immer ein Paar sich im Kuß- oder Umarmungs-Glück zu verausgaben droht, schlurft der Bühnenarbeiter G. T. vorbei und mahnt: „Otto, laß das!“ Taboris große und großartige Inszenierung von Shakespeares „Othello“ im kleinen Haus des Akademietheaters; dieser lässig, manchmal auch nachlässig, aber frech vor sich hin gepfiffene „Blues“ im Tempel des Burgtheaters: Peymann, der sein Herz an Wien verloren hat, mutet Freunden und Gegnern, die er in zähneknirschende Enthusiasten verwandelt hat, einiges zu. Denn die nonchalant hingeplauderte Szenenfolge, der wie improvisiert wirkende, kalkulierte Wechsel der Schocks, mal Kabarett, mal Requiem, jetzt kalauernde Satire, dann fast stumme Totenbeschwörung: die kleine, schwarze Revue zwischen Show und Musical erhält zuviel Gewicht und Bedeutung – einfach durch den großen Raum, den erdrückenden Rahmen, ein Gewicht, das der Leichtigkeit der Erfindung schadet, dem Parlando der Dialoge, der Beiläufigkeit, mit der hier über so schwerbelastete „Probleme“ wie Gott, Tod, Leben, Liebe, Glück nachgedacht und gealbert wird.