Das ist ein schöner Wunsch, nicht aufwachen zu wollen. Vor allem, wenn alle Welt einem gnadenlos beim Wachwerdenmüssen zusieht. Auch ein documenta-Chef verdient unser tapferes Verständnis, der seine fliehenden Träume möglichst lange hinhalten mag.

Jan Hoet ist ein Meister kapriziöser Verschleppungsstrategien. Seit der Ruf an den belgischen Museumsmann erging, die neunte Ausgabe der Kasseler Traditionsausstellung zu bestellen, läßt er sich immer wieder bei anmutigen Planungspirouetten beobachten, bei gelegentlichen Stürzen auch, sagt dies und sagt das und sagt es stets mit gewinnendem Charme, sagt nur nie, was er eigentlich vorhat. Und gerade dies würde er so gerne hören, der gutwillige documenta-Troß, der seinem Impresario nachreist, wo immer dessen launige Einladungen hinführen mögen.

Einmal ging es ins heimatliche Gent, wo der Kunstprospektor sein verdutztes Publikum mit einem nachklangen Diavortrag von Dienstreisen in entlegene Länder überfiel. Jetzt traf sich die etwas ausgedünnte Szene in Weimar wieder, zu einem weiteren „Marathon-Gespräch“, an dem vor allem das schrullige Beiprogramm gefallen hat: sowjetische Militärkapelle, Bratschen-Ensemble, Stadtgang mit dem Bürgermeister. Jan Hoet ließ abermals keine Gelegenheit aus, die Antwort nicht geben zu müssen, um die er so inständig gebeten wird. Voller Tücke bot er gleich drei gestandene Vorgänger auf, die brav eine ganze Runde lang dem amtierenden Leiter ersparten, seinem eigenen Projekt unstatthaft nahe zu kommen.

Die Verweigerung hat Methode. Vielleicht gehört zu ihr ja auch das belgischgriechisch-italienische Sprachengespinst des documenta-Teams, dessen deutschenglische Entwirrungsversuche selten zu befriedigenden 6Verständigungsergebnissen führen. Und ganz offensichtlich hat mit strikter Geheimniswahrung zu tun, daß den lichtarmen Lichtbildern, die wiederum in strapaziösen Portionen verteilt wurden, in der Regel so etwas wie Kunstinformation nicht zu entnehmen war und sich deshalb auch nicht recht erschloß, warum die Herren auf dem Podium gerade diese oder jene Arbeit so besonders eindrücklich erlebt haben wollten. Es war in dieser Weimarer documenta-Vornacht wie beim Heim-Dia-Abend, an dem die Juchzer von Tante Hilda dem rätselhaft bleiben müssen, der nie mit ihr die Parzelle auf dem Zeltplatz von Bibione geteilt hat.

Hoets Furcht vor dem plötzlichen Ende des Abenteuerwegs zur nächsten documenta ist auch die Furcht vor der gleichsam endinstanzlichen Autorität, die dieser Bilanzausstellung zugewachsen ist. Mit dem schleppend langsamen Verfertigen der Gedanken beim Reden und Redenlassen wehrt er sich gegen die übermächtigen Zwänge seines Amtes, möchte wegtauchen unter den Erwartungen, die der wie immer fiebrig zuckende Kunstbetrieb an ihn hat. Und die Liste der bis heute eingeladenen documenta-Teilnehmer scheint zu beweisen, daß die Offenlegungsscheu sich fürs erste gelohnt haben könnte. Die Hälfte der rund sechzig Namen bildet nämlich eine ziemlich frische Klasse. Ei sind Künstler aus lateinamerikanischer Ländern, aus Kanada, deren Arbeiter noch nicht zu den Valuta des internationalen Markts zählen. Und die anderer zwingen auch nicht unbedingt zur Schluß, daß sie ihren documenta-Auftritt 1992 nur dem Druck einflußreicher Galerien oder Kunstzentren verdanken.

Irgendein Trend ist dem vorläufiger Alphabet schwerlich zu entnehmen. Zumal die documenta 9 auf eine 140köpfig< Künstlerriege anwachsen soll und die Verdopplung der Gekürten dann jeglicher Richtungsverdacht widerlegen kann.

Vielleicht ist ja das öffentliche Zögern die intelligenteste Reaktion auf eine Zeitkunst, die über ihren verschleißende! Selbstbeschleunigungen in lauter Aporier geraten ist. Wenn keiner weiß, wie es weitergeht, tut auch Jan Hoet nicht so, als wüßte er den Ausweg. Auch wenn alle meinen, zumindest der documenta-Macher müßte ihn doch kennen. Unbeirrt läßt er sich leiten allein von der emphatischen Begegnung mit Kunstwerken, die er aufspüren und nicht vorgesetzt bekommen möchte. Daß er seine Funde dann häufig bei Künstlern macht, die den Glauben an die bezwingenden Suggestionen ihrer Arbeit verloren haben, gehört zu der Widersprüchen, die den Reiz dieser eigentümlichen Planungsgeschichte ausmachen Von Jan Hoet wird kein solider Theorie beton zu erwarten sein, keine documenta die etwas beweisen will, eher eine Ausstellung, die den Prozeß voller Sympathien und Konfrontationen, Fremdhei und Verstehen mit zeigen will, aus dem sie sich entwickelt hat.

Hans-Joachim Müller