Das hat es selbst im amerikanischen Fernsehen bislang noch nicht gegeben: ein echter Exorzismus zur besten Sendezeit. Am Freitagabend vorletzter Woche präsentierte das ABC-Nachrichtenmagazin 20/20 ein Beschwörungsritual, das die katholische Kirche seit jeher mit dem Schleier des Geheimnisses verhüllt. Noch immer verspricht die Kirche dem, der daran glaubt, die Erlösung aus dem Reich der Dämonen. Kardinal O’Connor, der Erzbischof von New York, teilte kürzlich in einer Predigt mit, daß in der Diözese New York im letzten Jahr zwei Exorzismen durchgeführt wurden.

20/20 bietet üblicherweise eine Mischung aus harten Fakten und Unterhaltung. Moderiert von der nimmermüden Barbara Walters, gehört die Show zu den populärsten Sendungen im US-Fernsehen und hält sich schon seit vielen Jahren im Programm.

Für den Exorzismus-Abend schraubte die Sendung ihren Unterhaltungs-Quotienten spürbar herunter: Man gab sich ernst. Ms. Walters trug dunkelblau, ihr Ko-Moderator ebenfalls. Und traurig war denn auch die Geschichte der sechzehnjährigen Namenlosen, die übergewichtig und mit gequältem Ausdruck in Großaufnahme auf dem Bildschirm erschien. Von Geistern, animals, sei sie besessen, berichtete sie, und ihre Mutter sekundierte. Die Tochter brabbele in fremden Zungen, quäle sich mit Visionen, kein Arzt und kein Psychiater könne da helfen. Nach gründlicher Untersuchung, so wurde dem Zuschauer mitgeteilt, habe sich herausgestellt, daß die „Besessene“ tatsächlich zwei der Kriterien erfülle, die für einen Exorzismus Voraussetzung sind: Sie spreche in fremden Zungen und sie zeige Kenntnis von Tatsachen, die sie unmöglich auf rationalem Weg habe erfahren können. Mithin war sie ein Fall für die Kirche, für den New Yorker Priester Father LeBar und einen ungenannten „Father A“ (für Anonym), den eigentlichen Exorzisten.

Die Vorbereitung des Rituals mutete gespenstisch an. Alle harten und kantigen Gegenstände wurden aus der Wohnstube der Befallenen entfernt. Ein Arzt, zwei Krankenschwestern und die Mutter des Mädchens gruppierten sich um die Kranke und hielten sie auf ihrem Sessel fest, während die beiden Priester ihre vorgeschriebenen Gebete verlasen. Dabei schlug das Mädchen wie wild um sich und gab unartikulierte Laute von sich. Die Zeremonie, die Stunden währte, wurde von 20/20 auf zehn Minuten zusammengeschnitten. Am Ende kapitulierte die „Besessene“, spürbar ausgelaugt, vor den ebenso erschöpften Priestern. Die Geister, so hieß es, hätten nunmehr das Mädchen verlassen.

Aber war der Exorzismus auch erfolgreich? Father James LeBar: „Wir wissen tatsächlich, daß die ‚Tiere‘, die sie früher gequält haben, nun verschwunden sind.“ Die Kranke selbst tauchte auf dem Fernsehschirm auf, nach Wochen im Hospital so vollgepumpt mit Sedativa, daß kein realistischer Kommentar zu erwarten war. Ihr behandelnder Arzt, befragt, ob der Exorzismus geholfen habe, gab sich vorsichtig: „Das kann ich nicht beurteilen.“

Welches Interesse bewog die Kirche, einem Millionenpublikum ein mittelalterliches Ritual vorzuführen? Harte Kritik wird jetzt aus ihren eigenen Reihen laut. Reverend Richard Woods von der Chicagoer Loyola-Universität erklärte, der Medien-Exorzismus stelle eine Verletzung der ungeschriebenen Regeln der Kirche dar, wonach in Verbindung mit Exorzismen jedes öffentliche Spektakel zu vermeiden sei. „Ein solch dramatisches Ritual öffentlich zu machen, kann die spirituellen und mentalen Schwierigkeiten von anfälligen Personen nur noch verschlimmern.“

Bischof Symons aus Palm Beach/Florida, der die Dreh-Erlaubnis erteilte, sah die Angelegenheit weniger kompliziert: „Der Teufel existiert wirklich. Er ist mächtig und aktiv in der Welt.“ Die Sendung möge dabei helfen, „teuflische Aktivitäten um uns herum einzuschränken“.

Danach sieht es allerdings nicht aus. Ganz im Gegenteil; nach dem Medien-Exorzismus ist ein teuflischer Boom zu verzeichnen. Die Zeitung Newsday meldet, daß Father LeBar inzwischen siebzig weitere potentielle Exorzismus-Fälle untersuchen läßt. Vera Graaf