Von Joachim Fritz-Vannahme

Die steile Stirnfalte gemahnt an den Ernst der Lage. Trauer umflort die Stimme, elegisch ihr Ton, pathetisch die Worte. Viermal eine Stunde lang flocht Bernard-Henri Lévy den Intellektuellen dieses Jahrhunderts letzte Kränze. Wo sonst als in Frankreich wäre zur besten Sendezeit eine solche Grabrede im öffentlichrechtlichen Fernsehen vorstellbar, denn wo sonst maß und mißt die Nation dem Geist derartige Bedeutung bei? Wo sonst auch wundert sich kein Fernsehkritiker, wenn Levy als „subjektive Geschichte der Intellektuellen“ anbietet, was sich gleich beim ersten Hinsehen nur als Dorfgeschichte erweist? Das Viertel um die Kirche Saint-Germain-des-Pres ist der Schauplatz, den die großen Akteure wie André Gide, André Malraux oder Jean-Paul Sartre – nach Moskau, nach Moskau, am Ende auch mal nach Havanna – nur verlassen, um alsbald dorthin zurückzukehren. Mag Václav Havel auch im Hradschin einziehen, Bronislaw Geremek eine polnische Parlamentsfraktion anführen oder der Romancier Jorge Semprun als Kulturminister der spanischen Sozialistenregierung gedient haben, aus Pariser Perspektive zählt das nicht.

Mit Theatralik statt Tiefgang verkündete Lévy in seinem Film – und im Buch zum Film, erschienen in seinem Hausverlag Grasset unter dem Jugendbuchtitel „Die Abenteuer der Freiheit“ – das Verschwinden der Spezies schlechthin. Er gewährte uns tiefe Einblicke ins Dekolleté seines blütenweißen Hemdes, blätterte für uns auf der Fernsehcouch in schwindelerregender Hast durch dieses Familienalbum mit den sepiafarbenen Schnappschüssen. Zola mit Zylinder, Gide mit Baskenmütze, Drieu de la Rochelle mit Stresemann. Opa rauchte Zigarre, Papa Pfeife, und dann hielten sie alle nur noch die Zigarette hoch. Mancher fehlte zwar beim Stelldichein dieses Clans, Georges Sorel etwa oder Simone Weil oder Maurice Merleau-Ponty, aber das fiel angesichts der großen Zahl nicht weiter auf. Und am Ende nahm man mit dem Genealogen und Klatschneffen Lévy den kleinen Schwarzen auf der Terrasse von Sartres Stammcafé „Aux Deux Magots“. Und alles war wie damals, aber vielleicht verwechseln wir da was und haben das Schlußbild der Epoche doch nur im Spiegel- Interview mit Levy vorige Woche gesehen...

Ja, es ist leicht lästern über diese vierstündige Dokumentation, mit der flugs einem ganzen Jahrhundert und einer ganzen Spezies der Totenschein ausgestellt wurde. Gewiß, BHL – in Paris nennen sie ihn gern nur mit den Initialen wie ein edles Markenaccessoire – deklamierte und chargierte, daß es einem die Lachtränen ins Auge trieb. Aber das Stück soll hier nicht mit dem Akteur begraben werden. Levys These vom Tod des Intellektuellen wird auch andernorts vertreten. Er selbst schrieb schon vor vier Jahren: „Die Intellektuellen werden weder gehaßt noch gegeißelt. Zum ersten Mal weiß dieses Frankreich, das sie einst erfand, mit ihnen einfach nichts anzufangen.“ Und daran hat sich inzwischen trotz Fall der Mauer Zusammenbruch des Sowjetimperiums und Golfkrieg nichts geändert. Vielleicht ist Frankreich einfach erwachsen geworden und hängt den Meisterdenkern und Patriarchen des Wortes nicht mehr ergeben an den Lippen.

„Paris, Anfang der achtziger Jahre. Wer ist der illustre Tote, den hier Hunderttausende begleiten? Sind wir denn sicher, daß es, wie die offizielle Chronik erklärt, sich um Jean-Paul Sartre handelt? Kann es sich nicht, da sie fast zur selben Zeit dahinscheiden, um die Philosophen Michel Foucault und Maurice Clavel handeln? Um den Doktor Jacques Lacan oder um Roland Barthes?“ Levys Film beginnt mit Sartres Beerdigung. Auf den Friedhof Montparnasse wird gleich die ganze Gattung getragen. Zola hieß ihr erstes, Sartre ihr letztes Exemplar. Doch schon die Epocheneinteilung hinter dieser Behauptung weckt Zweifel. Zola schrieb in der Affäre um jenen jüdischen Hauptmann Dreyfus, den 1894 der Militärapparat nach abgekartetem Prozeß als Spion in die guyanischen Sümpfe verbannte, mit „J’accuse“ einen einzigen Artikel. Sartre hingegen unterschrieb zwischen 1958 und 1968 allein in Le Monde über neunzig empörte, engagierte Aufrufe. Zola zwang schon die eine Stellungnahme bereits ins englische Exil, machte aus dem gefeierten Autor der „Rougon-Macquart“ einen Geschaßten – und doch schon kurze Zeit später erneut einen Repräsentanten der Republik. Sartre hingegen mochten die Flies auf den Boulevards beim Verteilen von La cause du peuple in Arrest nehmen oder die OAS seine Wohnung Rue Bonaparte in die Luft sprengen, für ihn galt letzten Endes immer de Gaulles berühmte Ordre: „Man verhaftet keinen Voltaire.“

Wessen Signatur hatte mehr Gewicht, die Sartres, der im Beruf Schriftsteller und im Engagement Unterschriftsteller war – oder jene des späteren Nobelpreisträgers Claude Simon, der nur zweimal, während des Spanischen Bürgerkrieges und während des algerischen Befreiungskrieges, seinen Namen unter ein Manifest setzte? Wer also ist ein Intellektueller, der Vordenker der litterature engagée oder der Autor der „Straße von Flandern“, der (leider nur im Buch und nicht im Fernsehen) zu BHL sagt: „Schreiben ist an sich schon ein Engagement“?

Das Verwirrspiel um diese Definition läßt sich noch weiter treiben: Sartre wurde, was keine Schande ist, aus dem deutschen Kriegsgefangenenlager wegen eines Augenleidens entlassen. Simon entkam in halsbrecherischer Flucht. Sartre machte, einmal ins besetzte Paris zurückgekehrt, zwar aus seinem Abscheu gegen die Nazis und das Vichy-Regime kein Hehl; Levy räumt in diesem Film endlich auf mit dem Vorwurf, Sartre habe damals unpolitisch still- und damit zur falschen Seite gehalten, ein Vorwurf übrigens, den Levy selbst vor zehn Jahren kräftig unter die Leute gebracht hatte. Doch der Résistance schloß sich, das Gewehr in der Hand, der schweigsame Simon an. Sartre hatte zeitlebens kaum Zeit und wenig Lust zum selbstkritischen Blick zurück aufs vorherige Engagement, auf den vorangegangenen Irrtum. Claude Simon, der einst in den Spanischen Bürgerkrieg zog, klopft heute mit mokantem Lächeln den Staub aus der eigenen Heldenmontur: „Barcelona im September 36, das war eine jacquerie, ein Landaufstand. Keine Revolution.“