Von Richard Schröder

Alle Parteien der Koalitionsregierung der DDR waren sich einig: Die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone kann nicht rückgängig gemacht werden. Das hat viele Proteste ausgelöst, vor allem im Westen. Hauptargument: Die Bodenreform war ein Unrechtsakt. Unser Gegenargument: Man kann nicht altes Unrecht durch neues Unrecht aus der Welt schaffen.

Das himmelschreiende Unrecht, das seinerzeit mit der Bodenreform verbunden war, muß wohl den ehemaligen DDR-Bürgern erst einmal wieder in Erinnerung gerufen werden. Es ist verschwiegen und verdrängt worden. Offiziell wurde die Bodenreform nicht als eine ökonomische Notwendigkeit, sondern als Befreiung von den Unterdrückern dargestellt. So stand es im Lehrbuch. Also mußte es sein.

Es gab 1945 sehr wohl politische Gründe für eine Bodenreform. Viele der Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten waren Bauern und sind landlos geworden. Eine Bodenreform, die eine Höchstgrenze des zulässigen Landbesitzes festgelegt und den darüber hinausgehenden Teil gegen Entschädigung enteignet hätte, um landlosen und landarmen Bauern Land zu verschaffen und die Ernährungsgrundlage zu sichern, wäre gerechtfertigt gewesen.

Aber von dieser Art war die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone nicht. Sie war eine Strafenteignung. Diejenigen, die mehr als hundert Hektar besaßen, wurden nämlich vollständig enteignet, zumeist mitsamt ihrer beweglichen Habe. Unter demütigenden Umständen wurden sie aus ihren Häusern vertrieben und des Ortes verwiesen (wenn sie nicht sogar interniert wurden), und zwar auch die erwachsenen Kinder der Enteigneten – Sippenhaft. Sogar Grabstellen ehemaliger Gutsbesitzer zu pflegen war unerwünscht bis riskant.

Die Bodenreform wurde damals „Demokratisierung“ genannt. Dem lag ein historischer Irrtum zugrunde. Die Kommunisten, die ja immer mehr am zaristischen Rußland als an mittel- und westeuropäischen Verhältnissen orientiert waren, betrachteten die „Junker“ als die Stützen des deutschen Militarismus und des Nationalsozialismus. Deshalb sollte zwar nicht eine Rasse, aber doch eine Klasse „liquidiert“ werden. So etwas ist immer Unrecht. In Wahrheit hat der deutsche Landadel, der bekanntlich 1918 seine letzten Vorrechte verlor und diesseits der Oder ökonomisch oft ums Überleben kämpfte, den Nazis weitgehend kritisch bis ablehnend gegenübergestanden. Aber das durfte nicht wahr sein. Der 20. Juli 1944 ist in der DDR erst sehr spät gewürdigt worden. Selbst diejenigen, die aktiv am Widerstand gegen Hitler beteiligt waren, sind behandelt worden, als hätten sie durch ihre Abstammung Strafe verdient.

Die Schlösser und Herrenhäuser wurden „Volkseigentum“, wenn sie nicht abgerissen oder gesprengt wurden, als wären sie Zwingburgen gewesen. Denn bei einer Revolution muß auch etwas zerstört werden, selbst bei größter Wohnungsnot. So oder so wurden sie jedenfalls zumeist Nachkriegsruinen. Oft hieß es: „Wo früher die Junker saßen, verbringen jetzt unsere älteren Bürger ihren Lebensabend.“ Doch die Alten waren mit den unzweckmäßigen Räumen gestraft. Auch das Geburtshaus von Novalis war in ein solches Altersheim umfunktioniert worden. Als die Bewohner in ein neuerbautes Heim umzogen, wurde das Schloß – noch 1987 – zum Abriß bestimmt. Die Kulturgüter, die die Landsitze und Parks einmal dargestellt haben, sind weithin nicht dem Volk zugänglich gemacht, sondern einfach vernichtet worden. Die Reste hat dann VEB Antikhandel seit den siebziger Jahren systematisch gesammelt und in den Westen verschoben.