Es gibt zwei Varianten der Geschichte. Die eine heißt: Boy meets girl. Das ist Hollywood. Die andere lautet: Man meets girl. Das ist Europa. Zwei Klischees vom Kino. Aber sie funktionieren immer noch.

Ein Mann verliebt sich in ein Mädchen, verführt sie und verläßt sie schon in der ersten Nacht. Und damit die Welt über seine Verführungskünste staunen kann, schreibt er alles in ein Tagebuch: „Ich habe sie geliebt; doch von nun an kann sie meine Seele nicht mehr beschäftigen. Wär’ ich ein Gott, so wollt’ ich für sie tun, was Neptun für eine Nymphe tat: sie verwandeln in einen Mann.“ Stolze Sätze. Der Mann, der sie schreibt, heißt „A.“ – wie „Anonymus“, aber auch wie „Autor“. Der Autor, der sich die Geschichte ausgedacht hat, heißt Sören Kierkegaard – ein Mann, dem, nebenbei bemerkt, das Glück der Liebe im Leben nicht beschieden war. Das war vor einhundertfünfzig Jahren.

Antoine (Fabrice Luchini) wäre gern ein Mann wie jener, den Kierkegaard in seinem „Tagebuch des Verführers“ sprechen läßt. Deshalb setzt er sich, mit einem Schreibheft bewaffnet, ins Café de la Mairie in Paris und wartet auf das Mädchen, das auf seine Anzeige „Verleger sucht Studentin“ geantwortet hat. Aber als das Mädchen endlich kommt, da ist es weder so schön noch so unschuldig, wie er es sich vorgestellt hat, sondern eher schnippisch und ein bißchen ordinär. Und als sich Antoine, wider alle Vernunft, doch noch in Catherine (Judith Henry) verliebt und die Nacht bei ihr verbracht hat, mißlingt ihm der wichtigste Zug seines Spiels, die Flucht: Das Hoftor, durch das er entkommen will, ist verschlossen, der Ausweg versperrt.

So beschließt Antoine, wenigstens die literarische Fiktion des Verführers zu retten: Er setzt sich ans Fenster, das Tagebuch auf den Knien, und wartet auf stolze, böse, überhebliche Sätze wie: „Ich habe sie geliebt...“ und: „... sie hat den Duft verloren.“ Doch das Mädchen, das von der Literatur nur so viel weiß, wie es zum Leben braucht, sagt einfach: „Komm zu mir“, und als sie es dreimal gesagt hat, kriecht er zu ihr ins Bett zurück wie ein durchschauter Betrüger, traurig, gehorsam und resigniert.

Christian Vincents Film „Die Verschwiegene“ handelt von der Liebe zur Literatur und ihren schlimmen Folgen – der Blindheit und der Lächerlichkeit. Denn die Mädchen von heute sind nicht so wie die Mädchen in Antoines Büchern: Sie wissen, wie man das Spiel der Männer durchkreuzt, wie man sie zum Reden und, vor allem, zum Schweigen bringt. Und auch die modernen Verführer sind anders als die Verführer von einst: Sie handeln, wie der Gelegenheitsphilosoph Antoine, nicht aus purer Lust am Bösen, sondern aus Eigennutz – um ein Buch zu schreiben, in dem sie ihren Einbildungen ein Denkmal setzen. Die entscheidende Figur in Vincents Film ist deshalb auch nicht Antoine, sondern der Buchhändler Jean (Maurice Garrel), der eine Auftragsarbeit zu vergeben hat: „Tagebuch des Verführers“. Als Antoine ihm später den Auftrag zurückgibt, rächt sich Jean auf galante Weise: Er liefert Antoines Notizen ihrer wahren und einzigen Leserin aus. So bleibt Antoine ohne Nachruhm und sein Glück ohne Nachspiel.

Manches in „Die Verschwiegene“ erinnert an die Filme Eric Rohmers: die schöne Ironie, mit der die Figuren ihren eigenen Worten in die Falle gehen; die freundliche Geduld, mit der ihnen die Kamera dabei zuschaut, immer einen Augenblick länger als nötig; und die vollkommene Balance zwischen Komödie und moralischer Fabel, die der Film auch in seinen schwächeren Momenten hält. Aber bei Rohmer ist der Zufall die bewegende Kraft der Geschichten; bei Vincent ist es die männliche Zwangsvorstellung, das literarische Kalkül, der schriftstellerische Plan. Rohmers Filme sind Poesie, „Die Verschwiegene“ ist eher ein gut konstruiertes Prosastück. Für den fünfunddreißigjährigen Christian Vincent aber ist die Konstruktion ein notwendiges Mittel, um eine zeitgemäße Form der Verführung zu erlernen: das Kino.

Am Ende sitzt Antoine wieder im Café de la Mairie und schreibt. Die junge Frau, die ihm gegenübersitzt, bemerkt er nicht. Aber die Kamera sieht sie: Man meets girl. Und eine Stimme von irgendwoher, die Stimme eines Erzählers, sagt: „Wenn man jemanden anschaut, sieht man nur die Hälfte.“ Der Rest ist Phantasie. So nimmt die Verführung ihren Lauf. Andreas Kilb